Zechpreller on Tour? (Leserbrief)

Ich muss von einer Begebenheit in Bochum berichten, die mir in puncto Dreistigkeit so zuvor noch nicht passiert ist. Wir sind mit Freunden zu sechst in einer Tapas-Bar. Kein Sterne-Essen, aber wie so oft: Die Gesellschaft macht den Abend aus. Das Essen wird dann, für die meisten jedenfalls, zur Nebensache. Aber immerhin: Es wird frisch gekocht in diesem an sich einfachen Restaurant. Zum Rauchen muss man wie überall vor die Türe gehen. Und wie im Ruhrpott üblich, ist es ein ständiges Kommen und Gehen. Am Nachbartisch richtet sich eine vierköpfige Gruppe gemütlich ein. Ohne Reservierung; so was kriegt man als direkter Nachbar im Restaurant mit, ob man will oder nicht. Die fröhliche Vierer-Bande schlägt ordentlich zu. Es werden reichlich viele Tapas vor den Hauptgängen aufgetischt, dazu zwei Flaschen Wein geköpft – und alle schaffen auch noch ein Dessert. Gäste, denen das Essen und das Hiersein offensichtlich Freude macht. Solche Nachbarn hat man gewöhnlich gern.

Als die älteste Dame nach dem Dessert vom stillen Örtchen zurückkommt, kreuzt unsere Kellnerin ihren Weg und begleitet sie zum Tisch zurück. Dort fragt sie nach dem Kaffee. Daraufhin die Dame, die keine ist, wie sich gleich herausstellen wird, zu den anderen:„Espressi?“Alle nicken. „Gut“, sagt sie zur Kellnerin gewandt: „Vier Espressi bitte. Vorher gehen wir aber noch eine rauchen." Die vier also raus vor die Türe, und die Kellnerin macht sich an der Espressomaschine zu schaffen. Zwischendurch ein kurzer Kontrollblick zum Tisch: die Gäste sind noch nicht wieder am Platz. Aber da ja der Geldbeutel der älteren Dame auf dem Tisch liegt, macht sie sich keine Gedanken.

Um eine lange Geschichte kurz zu machen: Die Gäste prellen die Zeche. Der Geldbeutel ist leer, nagelneu und vermutlich auch geklaut. Er diente wohl nur dazu, die Zeitspanne der Arglosigkeit zu verlängern. Schaden der Wirtin: 140 € Umsatz stehen auf der offenen Rechnung.

Die Inhaberin verständigt die Polizei. Die wiederum teilt mit, dass es sich nicht um einen Einzelfall handelt, sondern um eine neue Masche. Woher ich das alles weiß? Nun, ich habe noch eine Weile mit der Wirtin gesprochen, die mich völlig ratlos fragte, wie man denn mit einer solchen Situation zukünftig umgehen solle. Man könne seinen Gästen doch nicht verbieten, gemeinsam rauchen zu gehen. Eine Zwischenrechnung vorlegen? Damit würde man alle Gäste unter Generalverdacht stellen. Ich gebe zu, auch ich bin ratlos.

STERNKLASSE antwortet:
Vielen Dank, dass Sie uns diese Frage stellen! Mit Ihrer Geschichte sensibilisieren Sie Gäste und Restaurateure. Einer Zechprellerei vorzubeugen, ist vermutlich der einzige Grund dafür, warum in Straßencafés und Biergärten häufig mit dem Bringen der Speisen und Getränke sofort kassiert wird. In Hotels ist es vermutlich aus dem gleichem Grund üblich geworden, den Gast direkt bei der Anreise nach seiner Kreditkarte zu fragen. Und auch bei der Autovermietung. Im Grunde genommen werden damit, genau wie Sie schreiben, Gäste und Kunden unter Generalverdacht gestellt. Dennoch gibt es darüber kaum Erregungspotenzial, weil sich alle daran gewöhnt haben. Eine ähnliche Entwicklung zeichnet sich im Ausland ab, wo Tische zunehmend online über Reservierungsportale gebucht werden. In deutschen Restaurants ist die Zechprellerei bislang kein Thema, könnte aber eines werden, wenn die Polizei in Bochum bereits von einer Masche spricht. Restaurateure, denen wir Ihre Geschichte erzählt haben, waren erst sprachlos, meinten dann aber in der Mehrzahl, es sei doch sehr unüblich – und damit sehr auffällig und nicht beruhigend –, wenn jemand sein Portemonnaie unbeaufsicht an einem leeren Tisch zurück ließe.

Professionelle Gastgeber machen ihre Gäste grundsätzlich beim Aufstehen auf ihr liegengebliebenes Portemonnaie aufmerksam oder tragen es dem Besitzer unverzüglich hinterher, damit es nicht in Gefahr gerät, zu verschwinden.

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