Grand Hotel Gardone, Gardasee Italien

Gekrönte Häupter und große Literaten stiegen hier ab. Sir Winston Churchill übernachtete  in Zimmer 316, wo seit seinem Besuch vieles unverändet blieb: Kommode, Kleiderschrank,  Schreibtisch, die Aussicht auf den Gardasee – und die höflichen Umgangsformen des Personals. Mit scheinbar für immer verschwundener Größe, mit einem Damals beginnt unser Bericht über das  Grand Hotel Gardone. Doch seien Sie beruhigt: Vieles ist in dem alten Haus am Gardasee noch  immer so, wie es einmal war.

„Es war eine glamouröse Zeit, damals, als das Grand  Hotel Gardone eröffnete!“, seufzt Maître Roberto und erzählt so wehmütig davon, dass man glauben möchte, er sei dabei gewesen damals – das war allerdings 1884. Die Zeit also, in der Damen noch lange Kleider und Sonnenschirme zum Schutz ihrer Tugend und vornehmen Blässe trugen. Das neue Grandhotel veränderte das Leben im Dorf Gardone, veränderte die Region am Gardasee. Als erstes Hotel seiner Art avancierte es unmittelbar nach seiner Eröffnung zum Hotspot – so würde man es wohl heute nennen.

Das Haus wurde zum sehnsüchtigen Reiseziel und  beliebten Quartier der europäischen Haute Volée, sogar König Georg von Sachsen logierte hier. Wer es sich leisten konnte, überwinterte im sonnigen Süden von Gardone Riviera, brachte Waggons an Gepäck und eigene Dienerschaft mit. Zu einem gemeinsamen Salon bezog die Herrschaft getrennte Schlafräume und ließ die engsten Bediensteten in einer Kammer auf dem gleichen Flur unterbringen. In unmittelbarer Nähe, sodass diese auf Klingelzeichen  unverzüglich erscheinen konnten. Nie wieder erfüllte der prächtige Ballsaal mit dem glatt polierten Parkett und den glitzernden Kronleuchtern aus Muranoglas seinen Daseinszweck so perfekt wie in den Anfängen, als luxuriöse Seidenroben Arm in Arm mit  maßgeschneiderten Fräcken oder Gardeuniformen die Nächte durchtanzten. In den Spielzimmern widmete man sich dem Schachbrett oder den Karten, es wurde geraucht und vornehmlich Port, Cognac oder Whiskey getrunken; fröhliche Melodien erfüllten das Musikzimmer, während die Bibliothek als Ort der Stille diente. Zwei Concierge-Logen und eine Schar von Bellboys wurden in dem palastartigen Gebäude von vierhundert Metern Länge benötigt, als die Welt in den Hotelzimmern mit Blick auf den See – und auch in den Kammern ohne Aussicht – noch heil war. Das Ganze funktionierte bis zum Beginn des Zweiten Weltkriegs, als das Hotel unter der Herrschaft Mussolinis in ein Lazarett umfunktioniert wurde. „Wer genau hinschaut, wenn die Sonne darauf steht, erkennt noch heute das unter vielen Farbanstrichen durchscheinende Kreuz an der Fassade.“     

Dem Grandhotel gelang es, sich von dieser schweren Zeit zu erholen. Der Ruf des Hauses und der Ruhm, denNobelpreisträger Paul Heyse und Gabriele d‘Annunzio, der Dichter, dem Hotel hinterlassen hatten, trugen über die Jahrzehnte. 1949 verstärkte Winston Churchill, der große britische Staatsmann, mit seinem Besuch die Mythenbildung. Die Bar des Hauses wird, vermutlich für immer, nach ihm benannt, „Winnie‘s“ heißen, und die Möbel, gehegte Kostbarkeiten in dem Zimmer, das Churchill bewohnte, sind noch immer dieselben. Nach Churchill vermachten auch die Schriftsteller William Sommerset Maugham und Vladimir Nabokov dem Grandhotel ihre berühmten  Namen.  

Über die Prominenten von heute hüllt sich das Grand Hotel Gardone, übrigens im Familienbesitz mit aktiver Beteiligung des Seniors und zweier erwachsener Kinder, in Schweigen. Direktor Luca Tamburini gibt zu verstehen, dass der Schutz der Privatsphäre für ein wahres Grandhotel immer oberstes Gebot sei. Möglicherweise hat der Mann aber auch nur  seinen Glauben daran verloren, dass ein großer Name immer für einen untadeligen Lebenswandel stehen müsse. Männer der Gegenwart beweisen nur zu häufig das Gegenteil.  

Das heißt aber nicht, dass seit Nabokov keine Berühmtheit mehr im Grand Hotel Gardone abgestiegen wäre und der Hinweis auf den Schutz der Privatsphäre nur verbergen soll, dass es nichts mehr zu berichten gäbe. Dagegen spricht zum Beispiel der Auflauf an illustren Gästen aus aller Welt, der sich zur prunkvollen Eröffnung des unweit vom  Hotel gelegenen Giardino Botanico von André Heller  einfand. „Prominente, die unser Haus als Domizil wählen wollen in der Regel ihre Ruhe haben und unerkannt Gast unter Gästen sein.“ Dass dies möglich ist, habe man schon des Öfteren bewiesen. In solchen Fällen sei nicht  einmal eine Handvoll Mitarbeiter im Haus über das Inkognito informiert. Für so manchen regelmäßig wiederkehrenden Wirtschaftsboss hätten sich das Poloshirt und die entspannten Gesichtszüge bereits als gute Tarnung erwiesen. Das Zuordnen der Luxuskarossen vom Hotelparkplatz auf der gegenüberliegenden Straßenseite zu Gästen im Haus sei ein beliebtes Spiel für neue Mitarbeiter – und für andere Gäste. „Langjährige und so erfahrene Mitarbeiter wie Maître Roberto erkennen Persönlichkeiten im Umgang.“

Patrick kommt aus der Nähe von London. Heute wird er dreizehn. Die Eltern hatten ihm überlassen, an welchem Urlaubsort er seinen Geburtstag feiern möchte. Davide, stellvertretender Maître, stapft mit einer Schokoladentorte auf der rechten Hand und mit der linken fröhlich winkend voran. Ihm folgt mit leuchtenden Augen eine Schar blitzsauber gekleideter, singender Service-Mitarbeiter. Nichts wirkt unnatürlich oder aufgesetzt an diesem Aufmarsch. Die Combo will Patrick eine Freude machen; was auch  gelingt. Man sieht und spürt dabei die Vertrautheit zwischen Davide und Patrick. Nach und nach fallen Frühstücksgäste in den „Happy Birthday“-Gesang ein, und als Patrick die Kerzen ausgepustet hat, gibt es niemanden auf der Terrasse, der ihm nicht applaudiert. Alle klatschen und lächeln, suchen Blickkontakt, erst mit Patrick und dann untereinander. Eine Szene wie im Film. Oder wie aus einer vergangenen Zeit.  

Selbstbewusst pflegt das wirtschaftlich auf sich allein gestellte Grand Hotel Gardone mehr und mehr die Ein-Klassen-Gesellschaft. Luxuriöse Suiten, abgesehen von den wenigen Junior-Suiten, die ein paar Quadratmeter größer, sonst aber identisch eingerichtet sind, hat das Hotel nicht im Angebot. Nicht mehr. Die Mittel, die erforderlich  wären, um im Wettbewerb sich immer rascher abwechselnder architektonischer Trends bestehen zu können, werden an anderer Stelle benötigt – und dort für besser investiert erachtet. Die Suiten abzuschaffen war unternehmerisch  folgerichtig und unterstützt auch die Mitarbeiter in dem Anspruch, alle Gäste im Haus gleich – nämlich königlich – zu behandeln. Augenmerk legen Besitzer und Geschäftsführer auf Leistungen, die nur von Menschen erbracht werden können; vernachlässigt werden – aus Überzeugung und als Tribut an die Wirtschaftlichkeit – Design- und Technikstandards der modernen Vier- und Fünf-Sterne-Hotellerie. So ist ein perfekter Aufdeckservice am Abend ebenso selbstverständlich wie es die fast antiken Röhrenfernseher sind, die noch immer auf Minibars stehen, neben denen es vermutlich auch in den kommenden Jahren keinen Internetzugang geben wird. Überall im Haus gedeihen prächtige Blumen. Das frische Wasser in den gläsernen Vasen und das Fehlen jedweder welker Blätter verraten, dass sie eine ebenso liebevolle Pflege erhalten wie das Interieur. Die  getischlerten Möbel der Hotelzimmer gehören der Altersklasse „zwei Jahrzehnte bis antik“ an. Sie sind wohnlich und zweckdienlich – jedenfalls weit davon entfernt, stylish oder doch wenigstens zeitlos modern zu sein. Dafür sind sie aus Hölzern gefertigt, die auch im Alter schön sind. Alle Welt spricht von Nachhaltigkeit, hier ist sie gelebter Alltag.  

Menschenscheu ist der Staubsauger, der nur in der Nacht durch die Hotelhalle, die Restaurants und die Bar brummt, dann, wenn er keinen Gast stören kann. Nachtschwärmer sind auch die Floristen. Und Frühaufsteher müssen die Gärtner sein, die täglich in aller Herrgottsfrühe – wenn andere noch schlafen – emsig wie Heinzelmännchen um das Haus herum pflanzen, zupfen,  beschneiden, fegen und gießen. Bevor die Gäste frühstücken, wird auch getüncht, gemalt und geputzt. Geländer, Fassade und Gehwege – einfach alles im und um das Haus herum strahlt jeden Morgen eine beneidenswerte Frische aus. So wie die wie aus dem Ei gepellten Kellner, deren Hemden mit der Weißer-geht’s-nicht-Formel gewaschen und deren Nadelstreifenschürzen durchdacht geschneidert sind. Ein Detail: die Einstecköffnung für den Kugelschreiber. Das wichtigste Accessoire: ein schwarzer Kummerbund. Der sorgt dafür, dass jeder Kellner auch von hinten einen tadellosen Anblick bietet. 167 Zimmer: Das sind in Spitzenzeiten bis zu 400 zufriedene Frühstücksgäste – auf dem Zimmer einen Internetzugang bereitzustellen, ist demgegenüber eine leichte 5-Sterne-Hotelleistung.

Maître Roberto zählt seit über dreißig Jahren zur  Belegschaft. Damit ist er nicht Dienstältester und auch nicht einziger Langzeitvertrauter der Stammgäste, die bereits seit drei Dekaden oder in zweiter Generation kommen. Mitgenommen in das neue Jahrhundert hat Maître  Roberto die Angewohnheit, wirklich Wichtiges, also alles das, was die Annehmlichkeit seiner  Gäste fördert, von Hand aufzuschreiben – und er hat nicht vor, das zu ändern. Der Bauch seines hochbetagten Schreibpults weiß mehr als jeder Computer im Haus. Nicht, dass Roberto den Umgang mit Internet und E-Mail ablehnen würde. Im Gegenteil, Suchmaschinen benutzt er täglich („Google hilft, Fragen zu beantworten“), ebenso häufig wie Flaschenöffner und  Korkenzieher, nur nicht vor den Augen der Gäste. Die Herrschaften haben Urlaub, sie sollen die Leichtigkeit des Seins und des Müßiggangs genießen. Nichts soll sie an Arbeit oder Alltag erinnern.  

Als nicht effizient würden viele Fachleute kopfschüttelnd die Arbeitsweise an der Bar beurteilen. Hätten Controller das Sagen, die Muße am Abend wäre  Vergangenheit. So aber stören hier kein Flackern und kein elektronisches Knattern – es gibt nämlich keinen Kassenterminal. Welch‘ eine Wohltat, dass Gastgeber mit Leidenschaft anders ticken. Wie in den 1970er Jahren notieren die beiden Barchefs noch alle Order von Hand – Amedeo am Tag, Massimo am Abend. Wer sie nach dem Nachnamen fragt, um sie respektvoller anreden zu können, erntet lächel des Unverständnis: „Man erinnert sich auch am nächsten Tag leichter an Massimo, Amadeo oder Toni. Warum sollen wir es Ihnen schwer machen?“ Scheinbar sieht es ganz Italien so. Im legendären  Hotel Hassler in Rom hatte der Concierge vor einigen Jahren formuliert: „In unserem Business ist der Vorname der Künstlername.“ Champagner, Cognac und Cocktails sind im Winnie’s und für das Hotel drei stramme Umsatzbeine. Die handgeschriebenen Bons mögen schlecht fürs Controlling sein, fürs Geschäft sind sie gut. Wer nur von außen schaut, für den mag es ein unergründliches Phänomen sein, dass sich so viele Hotelgäste einmal am Tag bei Amadeo und jeden Abend zwischen zwanzig Uhr und  Mitternacht bei Massimo einfinden. Die Bar ist geradezu riesig im Vergleich zu den meisten europäischen Hotelbars und gut besucht wie Harry´s New York Bar in Paris. Massimo erkennt jeden Gast wieder, behält Vorlieben, weiß in fünf Sprachen Geschichten über Cocktails zu erzählen und auch sonst zu parlieren. Er kennt die berühmten Bars der Welt und verwendet wie ein guter Koch nur beste Zutaten. Bei einem Bellini an Pfirsichlikör zu denken, macht ihn fassungslos wie einen Sternekoch der Wunsch nach Dosenerbsen.

Massimo überrascht geschmacklich mit eigenen Kreationen wie mit Klassikern – wo kann man überhaupt noch eine wirklich gute Margarita trinken, seit Howard Johnson am Times Square abgerissen und Sam gemeinsam mit der Bar vom Erdboden verschwunden ist? Seinetwegen, um Massimo noch ein wenig länger zu erleben, haben wir – wie  vermutlich schon andere Gäste vor uns – den Besuch im Hotel verlängert. Und wir haben uns fest vorgenommen  wiederzukommen. Im nächsten Jahr zur selben Zeit. So wie es  viele Stammgäste im Grand Hotel Gardone seit Jahren tun.

© STERNKLASSE-Magazin 2011