Wein oder Nichtwein?

Von SILVIO NITZSCHE

Shakespeare ließ Hamlet über „Sein oder Nichtsein“ sinnieren. Wie sieht's "umgemünzt" auf Weine aus? Genauer gesagt bei Obstweinen? 99 von 100 sind es kaum wert, in Flaschen abgefüllt zu werden. Aber der 100ste Obstwein – der verdient Beachtung!

Ist ein Wein ein Wein, der kein Wein ist? Wer diese Frage bei Obstweinen grundsätzlich verneint, wer das Produkt vorschnell ablehnt und meint, Wein und Obstwein seien wie Sportwagen und Traktor, dem entgeht was. Obstweine werden wie „richtige“ Weine gekeltert. Erzeugt durch alkoholische Gärung der Maische. Nur eben nicht von Trauben, sondern von frischem und dafür geeignetem Kernobst, Steinobst oder Beerenobst. Der Mindestalkoholgehalt muss nur geringe 1,2 Volumenprozent betragen. Leider gibt es für Nichttrauben-Weine nur ein lasches Gesetz, da Obstweine dem Lebensmittelrecht zugeordnet sind. Nicht zuletzt deshalb müssen Obstweine die Obstsorte in Verbindung zum Wort „Wein“ tragen. Zugelassen ist auch die Erzeugung aus Fruchtsaftkonzentrat.

Und darüber hinaus räumt das schlaffe Lebensmittelrecht dem geneigten Produzenten die Möglichkeit der Aufzuckerung ein, des Säurezusatzes bis hin zur Zugabe von natürlichen und künstlichen Aromen. Alles Gründe, warum man die ersten 99 von 100 Obstweinen gleich wieder vergessen kann.

Hochwertige Obstweine hingegen entstehen aus dem frischgepressten Saft der Ernte, aus sortenreinen, regionalen Früchten. Oft beachtliche Qualitäten mit ureigener Identität. Ähnlich wie bei Reisweinen. Wer sich mit Sake beschäftigt hat, wird die Vergleichbarkeit verstehen und kaum überrascht sein, dass Obstweine bei einem ausreichenden Gehalt an Antioxidantien wie Säuren, Gerbstoffen, Vitamin C und Schwefeldioxid in der Flasche oft spielend zehn bis zwanzig Jahre lagern können ohne „umzukippen“ – also ohne ihr Aroma zu verlieren, zu oxidieren oder sonstige Weinfehler zu erleiden. Generell geht mit längerer Lagerungsdauer die Primär- Aromatik zurück, also das Fruchtbukett, und die Tertiär-Aromatik, das Lagerbukett, entfaltet sich zunehmend. Das ist der Grund, warum es bei manchen Weinen, wie dem Pflaumenwein, reizvoller ist, diesen reifen zu lassen, was beim Erdbeerwein überhaupt nicht zielführend ist.

Selten, aber richtig spannend, sind hochklassige Dessertweine aus Obst. Einige Exponate habe ich beispielsweise aus Schweden probieren dürfen, für die ich (fast) jedem Portwein den Laufpass geben würde. Apropos Portwein – und nicht aus Schweden, sondern deutsch: Ein Traum zu Desserts mit schwarzer Schokolade oder zur gebratenen Leber ist der 18-prozentige Nichtportwein KP aus Kirschen, den Jörg Geiger 18 Monate lang in gebrauchten Banyuls Eichenholzfässern reifen lässt.

Mehr Mut bei Aperitif-Empfehlungen möchte ich an dieser Stelle jungen Sommeliers machen. Und sie ermuntern, des Öfteren die eingefahrenen Wege zu verlassen und ihre Gäste mit Unbekanntem zu überraschen. Es gibt Regionen, wie den Frankfurter Raum, die Normandie, Kalifornien oder der gesamte skandinavische Raum, in denen Obstweine wie ihre aus Trauben herstellten Artgenossen anerkannt und zelebriert werden. Und gerade als Speisebegleiter hat ein guter Apfel-, Birnen- oder Quittencidre manchmal einen regelrechten Paradeauftritt. Da finde ich es persönlich viel zu schade, dass so wenige Berufskollegen zu diesen besonderen Vertretern greifen.

Möglicherweise hilft das Beispiel von Eric Bordelet, Ressentiments über Bord zu werfen! Bordelet ist studierter Oenologe und hat sich als Sommelier im Pariser Drei-Sternerestaurant Arpège verdient gemacht, bevor er in den Familienbetrieb zurückkehrte, um einzigartige Obstweine herzustellen, die nicht nur in Frankreich Kultstatus erreicht haben. Aber auch in Deutschland werden Sie fündig!

Fast unerklärlich harmonisch ist der übersaftige Cidre doux aus dem Hause van Nahmen. Ein Cidre, bei dem jeder Apfel blass vor Neid wird. Belohnt wird die Suche auch im Gutshof Kraatz. „Finesse“ scheint dort der Arbeitstitel für den mehrdimensionalen Quittensecco zu sein, bei dem jeder Schluck zu einer Entdeckung in eine nichtgreifbare Aromen-Welt wird. Und last but not least bietet der Schaumwein aus der Champagner- Bratbirne von Jörg Geiger so viel Struktur, Tiefe und elegante Textur, wie es das Wörtchen Champagner im Namen verspricht. Dazu liefert er die schöne Geschichte, dass die Winzer der Champagne sich furchtbar heftig gegen die Verwendung des Begriffs gewehrt haben. Leider vergeblich, da Geiger den Begriff bis ins 18. Jahrhundert zurück belegen konnte.

Ich würde mich freuen, wenn es mir gelungen sein sollte, Ihre Neugier mit diesen Zeilen zu wecken. Die prickelnden Früchte eignen sich hervorragend als Aperitif für Autofahrer. Ob alkoholarm oder alkoholfrei, qualitätsbewusst hergestellt, sind sie immer meine Alternative zur Weinschorle. Jener Erfrischung, bei der (oft schlechter) Wein mit Wasser gestreckt wird. Auch als Speisebegleiter kann ein guter Apfel-, Birnen- oder Quittencidre einen großen Auftritt haben, und das ganz leichtgewichtig mit nur fünf Prozent Volumenalkohol. Probieren Sie aus und – Wohl bekomms!

© STERNKLASSE-Magazin 2015