Waldorf Astoria – Berlin

Im Januar 2013 eröffnet in Deutschland das erste und bisher einzige Waldorf Astoria. Das legendare New Yorker Haus ist Namensgeber der Edelmarke im Hilton-Konzern, und der Art deco-Stil des amerikanischen Originals stand in Berlin Pate. 3 Sterne-Koch Pierre Gagnaire aus Paris, steht nicht nur mit seinem guten Namen hinter dem Restaurant Les Solistes by Pierre Gagnaire. Über ihn sagt Gastrokritiker Heinz Horrmann: "Ohne Wenn und Aber der fur mich beste Küchenkünstler der Welt." Dass sowohl das Hotel als auch das Restaurant ein Unikat und nicht blasse Kopien sind, dafür sorgen ein Osterreicher, ein Belgier und ein Bosnier.

Ein knappes Jahr ist der in Österreich geborene Hoteldirektor Gregor Andréewitch nun im Amt. Nur sechs Monate über die Eröffnung hinaus lenkte sein Vorgänger das neue Berliner Waldorf Astoria, dann versetzte Hilton den General Manager nach Frankfurt.

Drei bis fünf Jahre umfasst die Zeitspanne gewöhnlich, die Konzerne ihren Hotelchefs an einem Ort geben – knapp bemessen für das Beziehungsnetzwerk, dass es in dieser Position auszubauen gilt. Erst recht für Platzhirsche in Großstädten. Andréewitch leitete zuvor sechs Jahre das Conrad in Tokio, davor das The Drake in Chicago und das The Langham in London. Er weiß also, wie internationale Großstädte ticken.

Verheiratet mit einer Japanerin, die von Geburt an kulinarisch anspruchsvoll aufgewachsen und mit viel feineren Geschmacksnerven als wir Deutschen ausgestattet ist, erkundet er die Berliner Gourmetszene und solche Restaurants, die sich mit hervorragenden Produkten auf besondere Spezialitäten ausgerichtet haben. Denen schenkt er auch privat professionelle Aufmerksamkeit, schaut genau hin. Seine persönliche Pro- Einstellung zu Genuss und sein Food & Beverage Background machen die Zusammenarbeit angenehm für den belgischen Küchenchef Roel Lintermans und den aus Bosnien stammenden Restaurantmanager Vedad Hadziabdic– und die strategische Ausrichtung für das Les Solistes vielversprechend.

Geradeweil der Name "Hilton" bisher nicht so sehr für kulinarische Kompetenz, wohl aber für Wirtschaftlichkeit und Gewinnoptimierung steht. So könnte das unter dem Patronat von Pierre Gagnaire stehende Gourmetrestaurant zur Orientierung für die Berliner Szene und auch für eine ganze Branche werden. Das vom Triumvirat angestrebteZiel "jeden Abend ausgebucht" ist heer.

Besonders in Berlin, wo der Markt heiß umkämpft ist. Wo Michael Hoffmann zu Beginn des Jahres die Türen seines Gourmetrestaurants Margaux gewiss nicht geschlossen hat, weil die Nachfrage zu groß und nicht zu bewältigen gewesen wäre. Hier, wo die gewählten Volksvertreter einstimmig und auch sehr einseitig betonen, dass Eintöpfe und Currywurst ihre Leibund Magenrichte seien. Überhaupt kann Andréewitch über die Selbstdarstellung der deutschen Hauptstadt, mit der endlos heruntergebeteten Image-Schleife von "arm, aber sexy" nur verständnislos den Kopf schütteln. Dem Städtetourismus und den Stadtkassen würde es besser tun, das Besondere und Großartige hervorzuheben. "Die breiten Boulevards, die Möglichkeit, wie in keiner anderen Metropole stressfrei einen Wagen durch das Stadtzentrum zu manövrieren, die Kultur: Berlin muss Größe verkaufen", sagt er, und man muss nicht lange nachdenken, um ihm recht zu geben.

"Billig" ist kein Grund, irgendwohin zu reisen. Auch nicht nach Berlin. Schon nach ein paar Monaten wurde das Restaurant Les Solistes by Pierre Gagnaire im Guide Michelin 2014 mit dem ersten Stern ausgezeichnet. Der neue Feinschmecker 2014/15 legte gerade ein viertes F auf die drei vom Vorjahr; Höchstbewertung für Berlin. Insgesamt nur von vier Restaurants erreicht. Morgens dient das Les Solistes als Frühstücksrestaurant. Warum auch nicht. Es wäre ein kostspielig falscher Dünkel, die teure Fläche den ganzen Tag brach liegen zu lassen. Außerdem macht es Alain Ducasse in seinem Pariser Restaurant im Hotel Plaza Athenée genauso – und Michelin hält es nicht ab, drei Sterne zu vergeben.

Eine große Herausforderung mag für manchen potenziellen Besucher die Überwindung des Haupteingangs darstellen. Man gelangt nur durch die Lobby in die erste Etage zum Restaurant. Kein Problem für jüngere Gäste, die den Erstkontakt im Netz herstellen. Auf der Facebook-Seite vom Waldorf Astoria menschelt es. Wer sie pflegt, macht seine Sache gut. Verbreitet eine heitere Stimmung und weht dem Besucher eine frische Brise entgegen: In der Abendsonne fotografierte Cocktails wecken spontan die Lust, sich zur chilligen Sommerterrasse aufzumachen. 28 fröhlich nach oben in die Luft gestreckte Hände, darunter strahlende Gesichter von 14 neuen Auszubildenden, verkünden Stolz und Freude, hier im Waldorf Astoria arbeiten zu dürfen.

Auch im Restaurant spürt man diese positiv aufgeladene Atmosphäre. Maître Vedad Hadziabdic geht eintreffenden Gästen achtsam mit geschultem Auge, nicht mit "professioneller" Pauschalfreundlichkeit, entgegen. Es scheint, als lese er das Zusammenspiel von Haltung, Gang, Mimik, Blickkontakt und Kleidung ganz so wie ein Dirigent die Noten einer Melodie. Sein Team zeigt eine gut eingeübte Performance beim Einsetzen und Ansagen der Speisen sowie der Beschreibung der Weine, die Alexandra Himmel zu den einzelnen Gängen heraussucht und vorstellt. Alle Gastgeber überlassen dem Gast den Takt und die Tiefe der Konversation – ungewöhnlich sicher fangen sie gesendete Signale auf. Und es geht auch nicht an ihnen vorbei, wenn die Stimmung von einem zum nächsten Gang wechselt.

Diese Sensibilität kann beim Geschäftsessen über Erfolg entscheiden. Verlässt an einem Zweiertisch ein Gast den anderen, stellt sich Hadziabdic dem Zurückgebliebenen als Gesprächspartner zur Verfügung, und wenn's mal länger dauert und passt, so kann es sein, dass er oder ein Mitarbeiter den Wartenden fragt, ob man ihm ein Geschicklichkeitsspiel zur Seite stellen dürfe. Die gefangene Kugel zu befreien, ist nicht ganz leicht – aber die Geste zeugt von der Leichtigkeit des Seins, den dieses Team seine Gäste auf höchster Qualitätsebene erleben lässt.

© STERNKLASSE-Magazin 2014