schwarz Das Restaurant, Heidelberg (geschlossen)

Spontan haben wir am Vortag den Abstecher nach Heidelberg beschlossen. Es soll heiß werden. Wird es auch. Über dreißig Grad – und das im Mai. Längst wollte ich das Restaurant von Manfred Schwarz kennenlernen. Ganz oben unter dem Dach des imposanten Gebäudes der Heidelberger Druck AG residiert es. Nicht zu verfehlen, unmittelbar am Hauptbahnhof.

     Zur Regierungszeit von Kanzler Helmut Kohl wurde Schwarz als dessen Leib- und Magenkoch in Deidesheim weltberühmt. Im Kanzlerauftrag bekochte er Staatsbesuch aus aller Welt. Vielen Persönlichkeiten schüttelte er in dieser Zeit die Hand. Davon zeugen auch Fotos in großen Rahmen an den Wänden der Gästetoiletten. Kein Tag, an dem Schwarz und sein berühmter Saumagen seinerzeit nicht in den Medien auftauchte. Dabei kann der Mann viel mehr, und Kohl wusste auch das zu schätzen.

     Seit über sechs Jahren, so verrät die Website des Restaurants, ist Schwarz nun Herr im eigenen Haus. Seitdem ist es ruhiger, aber nicht ruhig um ihn geworden. Die Internetpräsenz seines Restaurants macht einen guten Eindruck. Übersichtlich gegliedert, lässt sich Gesuchtes leicht finden. Geradezu vorbildlich sind die wöchentliche Aktualisierung der Mittagsangebote und die bis zum Jahresende reichende Vorschau auf Specials und Events. Zur Fußballeuropameisterschaft bietet er den Two-for-one-Erfolgsschlager, an dem gewöhnlich andere als die beteiligten Restaurants verdienen, als „EM-Highlight 2:1“ an. Wenn zwei Gäste das beschriebene viergängige Menü während  der Spiele ab achtzehn Uhr in seinem Restaurant essen, muss nur einer den Preis von 89 Euro bezahlen, der andere isst „gratis“ mit. Selbst wer kein Freund solcher Angebote ist – vom Verschenken kann bekanntlich kein Wirtschaftsunternehmen leben, irgendwer muss die Zeche zahlen – wird einräumen, dass solche Aktionen zu bestimmten Zeiten die bessere Alternative zu leeren Restaurantstühlen oder Betriebsferien sind. Die in einem Nebenraum des Restaurants untergebrachte Business Lounge fungiert im Juni als „EM-Lounge“ und zeigt alle Spiele live.

     Sommernachtsküchenpartys mit unbegrenztem Champagner, leichte und kostengünstige Sommermenüs im Juli (59 Euro, vier Gänge), Schlossbeleuchtung, Gänse- und Wildwochen sowie Kochkurse stehen als Angebote im Online-Kalender neben den traditionellen zu Weihnachten und Silvester. Manfred Schwarz wartet nicht auf Gäste – er holt sie aktiv in sein Haus.

     Wir buchen unseren Tisch beim Besuch der Website online (angeschlossen an book-a-table) und erhalten kurz darauf die Bestätigung per E-Mail mit der Information: Wird die  Reservierung nicht wahrgenommen, fällt eine No-show-Gebühr von 25 Euro pro Platzbuchung an.
     Als wir die eindrucksvolle Lobby des Hochhauses am Mittag betreten, ist das Begrüßungspult des Restaurants gerade nicht besetzt. Am gegenüberliegenden Tisch erfahren wir, dass die Dame gleich wiederkommen wird. Ihr nennen wir kurz später unseren Namen und sehen im Reservierungsbuch, dass zwei Tischreservierungen  für den Mittag vorliegen. Währenddessen treffen zwei weitere Herren ein, die ebenfalls zum Restaurant wollen und sich offenbar gut auskennen. „Wenn Sie nichts dagegen haben, begleite ich Sie gemeinsam zum Aufzug“, lächelt sie uns strahlend an, geht voraus, lässt uns einsteigen und drückt den Knopf für die zwölfte Etage.

     Oben werden wir am Aufzug in Empfang genommen und an einer langen Bar vorbei zu einem Tisch am Fenster begleitet. Wow – die Aussicht ist schon einen Besuch für sich wert. Mein Begleiter ist hellauf begeistert, dass ich aus beruflichem Interesse den Blick in den Raum bevorzuge. Doch auch da gibt es viel Schönes zu sehen.

     Kein intimes kleines Gourmetrestaurant; eher groß – nicht alle Tische sind von unserem Platz einsehbar, geschätzt sind es etwa siebzig bis achtzig Plätze. Ganzflächig verlegt ist dunkles Holzparkett. Die gepolsterten Armlehnstühle sind mit grauem, bordeauxrotem oder braunem Stoff bezogen und buntgemischt über den Raum verteilt, was die Atmosphäre auflockert. Über manche der weißen Tischtücher, die tief, aber nicht bodentief herabhängen, liegen etwa vierzig Zentimeter breite bordeauxrote Tischläufer aus Stoff. Auch sie lockern das Gesamtbild auf. In blitzsauberen Glasvasen steckt jeweils eine dunkelrote Callas, hübsch arrangiert mit Metalldraht und Steinen. Bordeauxrote Windlichter werden unmerklich herausgenommen, sobald ein Tisch belegt wird. Kerzen sind offensichtlich dem Abend vorbehalten. Eingedeckt ist das Besteck für das Amuse gueule, die Vorspeise und den Hauptgang. Ein Wasser- und ein Weinglas. Ein leuchtendes Rot ist die Grundfarbe der großflächigen, modernen Gemälde an den Wänden, die Frische in die  Atmosphäre bringen. Dort, wo der Raum zurückspringt, sind über Eck zwei etwa hundertachtzig Zentimeter hohe und je einen Meter breite Schiefernplatten angebracht, an denen Wasser herunter in ein von blauem LED-Licht gesäumtes, schmales Becken rinnt. Ein gelungenes Raumdetail. Obwohl das Restaurant fast ringsherum von bodentiefen Fenstern umgeben ist, ist die Deckenbeleuchtung eingeschaltet und für die Mitte des Raumes wohl auch notwendig.

     Das Timing zwischen unserer Platzierung und dem Reichen der Speisekarte ist perfekt. Es bietet genug Zeit zum Umschauen und Warmwerden mit dem fremden Raum und ist dennoch nicht so lang, dass man ungeduldig werden könnte. Wir verzichten zugunsten des Weines zum Essen auf den Aperitif und bestellen eine große Flasche Mineralwasser, die kurz später eingegossen wird. Ohne, dass die Service-Dame es bemerkt, gießt sie mir das Wasser  versehentlich ins Weinglas. Kein großer Fauxpas. Und sie geht souverän damit um, indem sie ihn beiläufig aus Welt schafft. Der Sommelier hätte aus der Ferne mein gefülltes Weinglas bemerkt und sie ganz irritiert gefragt, was ich da trinke, erzählt sie mir einen Augenblick später. „Die Weinempfehlung ist doch sein Gebiet“, lächelt sie mich an, stellt ein frisches Weinglas hin und ergänzt entschuldigend, dass es wohl an der heutigen Hitze liegen müsse.

     Zwei Vorspeisen (14 Euro), zwei Hauptgeriche (23 Euro) und zwei Desserts (12 Euro) bietet die Mittagskarte. Daneben stehen sechs Gänge, Vorspeise, Suppe, Fischgericht, Hauptgericht, Käse und Dessert, aus denen ein Zwei-Gang-Menü zu 30 Euro oder ein Drei-Gang-Menü zu 35 Euro zusammengestellt werden kann.

     Mit Herrn Gamblin, so heißt der Sommelier, über den Wein zu befinden, macht wirklich Freude. Die Hitze – was sollen wir trinken? Einen deutschen Weißwein? Ja, gern. Leicht, wenig Alkohol. Jung und frisch, aber nicht zu viel Säure. Herr Gamblin tastet sich heran und empfiehlt uns am Ende einen Sauvignon Blanc von Rainer Gehrig aus der Pfalz; kein VDP-Weingut, aber eines von herausragender Qualität. Gamblin kommt kurz auf die Heimat des Sauvignon Blanc im Loiretal zu sprechen, verweist auf Sancerre und Pouilly-Fumé und erzählt dann von seinen persönlichen Besuchen bei Winzer Gehrig. Wir erfahren, dass kaum Sauvignon Blanc in Deutschland angebaut wird und dieser hier besondere Beachtung verdiene. Wir könnten gern ein Glas probieren und sehen, ob uns der Wein gefällt. Gefühlte drei Minuten verbringt er an unserem Tisch – nicht zu kurz und nicht zu lang. Ob jemand ganz viel oder fast nichts von Wein versteht, bei Gamblin ist jeder in guten Händen.

     Acht Tische sind am Ende besetzt. Zwei der Tische haben teure Weine geordert, erkennbar nicht an einem Mehr an Aufmerksamkeit, sondern an den Weingläsern, die Gamblin bereitstellt. Sommelier und Kellnerin sind flott, aber nicht gehetzt unterwegs. Ein gut eingespieltes Team, die Gäste fühlen sich sichtbar wohl – wie wir. Am Ende wird jeder zum Aufzug begleitet und herzlich verabschiedet. Wir werden gern wiederkommen!

Text: Uta Bühler

Kurfürsten-Anlage 60
69115 Heidelberg
Telefon:  06221 75 70 30
www.schwarzdasrestaurant.com

STERNKLASSE Magazin
Ausgabe Sommer 2012

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