FEITORIA – Lissabon

Sechs Hotels gehören zur Altis-Hotelgruppe, sie alle stehen in Lissabon. Wir wohnen in einem davon, nahe dem Stadtzentrum, und haben das Vergnügen, dem 95-jährigen Besitzer, Fernando Martins, morgens mehrfach beim Frühstück zu begegnen. Erst wissen wir natürlich nicht, wer er ist. Wir registrieren jedoch: dass er der bestgekleidete Mann – unaufdringlich und dabei auffällig gut – im ganzen Hotel ist. Dann: dass er den Service mit sehr wachsamen Augen verfolgt. Der wiederum kümmert sich auffällig unauffällig um den alten Herrn. Vom Wirtschaftsdirektor Óscar Correia (der Zweitbestgekleidete), der jeden Morgen das Frühstücksbüffet sehr genau inspiziert und etwa eine halbe Stunde im Gespräch mit Gästen verbringt,  erfahren wir, dass Herr Martins noch immer aktiv und mit Unterstützung seiner Söhne den 1.330-Betten-Konzern der Altis Hotels leitet.

     Von der Rezeption haben wir einen Tisch im Schwesterhotel Altis Belém Hotel & Spa für den kommenden Mittag im dortigen Restaurant Feitoria reservieren lassen. Küchenchef im frisch ausgezeichneten Sternerestaurant ist José Cordeiro. Er sei viel in der Welt herumgekommen, erfahren wir bei dieser Gelegenheit von der Rezeptionistin, habe sogar in Tokio gekocht. Und mit dem kurzen Satz gibt sie uns ein gutes Gefühl; es ist immer ein sicheres Zeichen, wenn Mitarbeiter einer Hotelgruppe wohlinformiert über die anderen Gruppenmitglieder sind. 

     Etwas zu früh treffen wir im knapp sieben Kilometer entfernten Belém ein und haben so noch Zeit für einen kurzen Spaziergang zum „Denkmal der Entdeckungen“. Das Hotel liegt direkt am Tejo; von hier starteten in der Blütezeit des Landes die portugiesischen  Seefahrer, um Indien und Brasilien zu entdecken. In Belém hat auch der amtierende  Staatspräsident seinen Sitz im Pálcio de Belém, ebenso sind das berühmte Hieronymuskloster und zahlreiche Prachtbauten aus dem 15. und 16. Jahrhundert vom Hotel gut zu Fuß zu erreichen. Parken wollen wir, obwohl auch vor den Toren des Hotels ausreichend Stellplätze zur Verfügung stehen, auf dem hoteleigenen Parkplatz. Es interessiert uns, wie Restaurantgäste begrüßt werden. Wir klingeln also an der Schranke zur Einfahrt des Hotels, fragen, ob wir unser Fahrzeug auf dem Hotelparkplatz abstellen dürfen, und merken dabei an, dass wir einen Tisch zum Mittagessen im Feitoria reserviert haben. „Guten Tag. Herzlich willkommen im Altis Belém“, begrüßt uns eine angenehm männliche Stimme aus dem Lautsprecher, die uns im gleichen Moment eine gute Zeit im Feitoria wünscht, während sich lautlos die Schranke öffnet. Dadurch, dass sie uns willkommen heißt und nicht die gestellte Frage beantwortet, bekommt der Beiklang eine angenehme Note. Auf diese Weise nimmt sie den Gast viel mehr für sich ein, als mit dem Satz „Ja, gern dürfen Sie hier parken“ zu erreichen gewesen wäre. Der erste Eindruck ist perfekt. 

     Und so, wie sich der erste Eindruck am Vortag im Tavares bestätigte, wird er sich auch hier fortsetzen. Direkt am Eingang begrüßt uns ein freundlicher Doorman. Er weist uns – ohne dass wir danach fragen müssen (Hinweis auf eine exzellente interne Kommunikation) – den Weg zum Restaurant, wo uns eine Hostess in Empfang nimmt. Garderobe haben wir an dem schönen Sommertag keine abzulegen, und auf die Frage, ob wir lieber draußen oder drinnen speisen wollen, wählen wir die erste Option.

     Am Tisch kommt ein Kellner hinzu, er rückt mir den Stuhl, die Hostess den für meinen Begleiter. Als Amuse gueule serviert er uns, nachdem das  Mineralwasser eingeschenkt ist, einen übergroßen „Oreo-Keks“, zwischen dessen schwarzen Deckeln keine süße, weiße Füllung, sondern ein köstlicher Salat von Langustinen steckt. Dazu: ein „Martini Cocktail“ mit sphärischer Olive. Schmeckt köstlich und hat weit weniger Promille als das Original. Nur beim „Keks“ muss man aufpassen und geschickt hantieren, will man sich nicht bekleckern. Besteck wird an dieser Stelle nicht zur Verfügung gestellt, dabei wäre ein flacher Soßenlöffel nun hilfreich. Am Nachbartisch wird später der gleiche Keks verunfallen. Wir machen derweil mit Humor das Beste aus der Situation und amüsieren uns über das Bild, das wir uns gegenseitig abgeben: In der einen Hand halten wir die Leinenserviette, führen sie unter die andere Hand, die sich bemüht, den unten durchgeweichten Keks sicher in den Mund zu stecken. Das sieht ziemlich albern aus. Eine Situation, in die man Gäste besser nicht führt. Optisch und geschmacklich jedoch sind Keks und Cocktail ein wunderbarer Menü-Auftakt.

     Zum Brot serviert der Kellner ein Olivenöl aus dem Süden Portugals. Auch die Weine, die er uns im Laufe des Mittags bringt, wir haben uns für das Überraschungsmenü mit Weinbegleitung entschieden, kommen ausnahmslos aus Portugal. Alle Weine sind qualitativ hochwertig – und sie passen perfekt zu den Speisen. Jeder Gang wird à la minute eingedeckt, die Weine werden just in time präsentiert und eingegossen, Teller und Bestecke fast lautlos transportiert und dazu der Blick über den künstlerisch angelegten, hügeligen Rasen, aufs Wasser – besser als hier kann man in Lissabon kaum essen und dabei das Leben genießen. Nicht nur die hervorragende Küche, auch die beiden Service-Mitarbeiter tragen ihren Teil zu diesem Genuss bei. Sie wirken nicht nur heiter, sie sind es. Zwei kurze Beispiele, wie sie gekonnt charmant parlieren: Mein Begleiter lässt das Baiser beim Dessert links liegen. Zuckrig Süßes sei nicht sein Geschmack, antwortet er dem Kellner, noch bevor dieser die Frage danach stellen kann. Und darauf reagiert der Kellner – ob intuitiv oder überlegt und geschult, das lässt sich nicht erkennen – perfekt: „Meine Mutter macht das beste Baiser, das sagen alle. Aber ich mag sie auch nicht.“ Damit bestätigt er meinen Begleiter ohne mich, den anderen Gast am Tisch, zu düpieren. Ich habe mein Baiser schließlich gegessen, aber durch das Anführen seiner Mutter gelingt dem Kellner der kluge Schachzug, uns sozusagen mit zwei gegensätzlichen Meinungen beide zu bestätigen.

     Als der andere Kellner Cornettos als Vordessert serviert, manche nennen es auch Amuse gueule aus der Patisserie, macht er das mit einem Satz, dass ich unwillkürlich nachfrage: „Machen Sie die selbst?“, worauf er ganz spontan und lächelnd antwortet: „Oh ja. Manchmal zu Hause. Aber meine Rezepte verrate ich nur sehr ungern.“

     Nur über das Sprechen, über die Kommunikation, lassen sich Gästeherzen erobern. Hier im Feitoria versteht man viel davon. Wir freuen uns schon jetzt aufs Wiederkommen!

Text: Uta Bühler

FEITORIA
im Hotel Altis Belém
Doca do Bom Sucesso
1400-038 Lissabon

www.altishotels.com

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