ABANTAL, Sevilla

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Fast wäre ich am Abantal vorbeigelaufen, so unscheinbar versteckt liegt es hinter dichten Bäumen. Dabei habe ich bewusst nach diesem zweiten Sternerestaurant von Sevilla im Stadtteil Santa Cruz Ausschau gehalten. Wie am Vortag zum Restaurant Santo (s. S. 64 ff) komme ich allein und ohne Reservierung. Es ist etwa halb zwei, als ich versuche, von außen einen Blick ins Innere zu werfen. Fehlanzeige. Man sieht nur den Eingangsbereich und die Theke, nichts vom Restaurant. Ich öffne die Tür, trete ein und fange den strahlenden Blick einer jungen Frau auf. Sie ist die Sommelière, so erfahre ich später. Wenige Augenblicke später begleitet sie mich zum Tisch, und obwohl kein anderer Gast im Restaurant ist, bricht sie mit der ihr eigenen Art die Kühle und die Stille des Raumes. „Zum Aperitif bitte einen Cava, und dazu ein Mineralwasser mit Kohlensäure“, bestelle ich, bevor sie die Aperitif-Frage stellen kann. Sie lächelt, auch dann noch, als ich erkläre, dass ich wahrscheinlich zum Essen keinen Wein trinken werde. „Ich werde Ihnen dennoch die Weinkarte zusammen mit der Speisekarte bringen, einfach so, zum Gucken, ja?“, fragt sie, und als ich zustimmend nicke, ergänzt sie „Und wenn Sie keinen Wein trinken, können wir uns ja trotzdem da-über unterhalten, welcher Wein gut zum Essen passen würde. Einfach so – über Wein zu sprechen, macht doch immer Freude, oder nicht?“ Recht hat sie! Und mit diesen wenigen Worten hat sie uns beiden einen Platz, fast so etwas wie eine Bank mit Blick auf eine schöne Aussicht, geschaffen, an dem wir uns später zu weiteren Gesprächen treffen können.

     Eingedeckt sind die Tische gewohnt reduziert; ein dickbauchiges Wasserglas, das man mit einer Hand kaum fassen kann, aber so wie es die Spanier offensichtlich zu lieben scheinen, einem Brotteller, einem Löffel und einem Platzteller, auf dem die Serviette liegt. Eine Glasblumenvase ohne Blumen, mit Steinen und Holzstäben gefüllt, „schmückt“ die meisten Tische, auf manchen steht eine Skulptur der Künstlerin, deren Werke auch an der Wand hängen. Der Maître ist mit Aufräumen beschäftigt, zwischendurch macht er sich auch am Raumteiler-Regal zu schaffen; sehr leise und sehr ordentlich. Den Service überlässt er weitgehend der jungen Frau, vielleicht auch deshalb, weil ihr Englisch das bessere ist.

     Sieben Vorspeisen (14,50 bis 21,50 Euro), vier Fischgerichte (21 bis 28 Euro), vier Fleischgerichte (23 bis 26,15 Euro) und zwei Menüs (sieben Gänge 57 Euro und neun Gänge 72 Euro) stehen auf der Karte. Auch wenn die junge Frau den perfekten Auftakt kreiert hat, jetzt, wo ich hier allein am Tisch sitze, merke ich einmal wieder, wie ungemütlich leere Restaurants sind. Es gibt nur eine Steigerung: in einem leeren Restaurant ganz allein zu essen. Zwei Tage hintereinander in einem leeren Restaurant ein großes Menü zu essen, gefällt selbst mir nicht.  Ich frage mich, ob es wohl irgendwo ein Restaurant gibt, dessen Küche so wunderbar ist, dass sie jeden Menschen glücklich macht, auch wenn er als einziger Gast dort isst.

     Ich entscheide mich für das Tintenfisch-Tatar als Vorspeise und Schweineschulter mit scharfer Roter Bete als Hauptgang; beides schmeckt sehr gut, ebenso wie die beiden  Amuse gueules, von denen mir besonders das zweite, eine kalte, köstlich aromatische Gemüsesuppe, in Erinnerung bleibt.

     Meistens kommt wie gesagt die junge Frau, um Besteck nachzudecken, einen Gang einzusetzen oder auszuheben. Wir sprechen tatsächlich über die Weine, die man zum Essen hätte trinken können, darüber, wann das Haus seinen Michelin-Stern erhalten hat (2008), und über die Künstlerin, deren Skulpturen an der Wand hängen, und die aus einem kleinen, malerischen Ort in der Nähe von Sevilla kommt.  Als Frau Gema den Hauptgangteller aushebt, lobe ich das Essen, ohne danach gefragt worden zu sein, und ich bedanke mich für ihre ausgesprochen reizende Betreuung. Dann bitte ich um die Rechnung.

     Auch wenn ich kein Dessert mehr möchte und keinen Kaffee bestelle, bringt sie mir mit der Rechnung und einem fröhlichen Lächeln  noch einen „süßen Abschied“ aus der Küche – und dann bedankt sie sich für den so rasch vergangenen Mittag.

     Das Essen im Abantal ist einen Umweg wert. Aber der Service von Frau Gema noch mehr, weil er so einzigartig ist. Ein gutes Essen ist eben wie jedes andere schöne Erlebnis auch: Es mit jemandem zu teilen und darüber zu sprechen, vergrößert die Freude. Weil das so ist, gehen Menschen ungern allein ins Kino, ins Theater oder auch ins Restaurant zum Essen. Dort aber, wo es jemand wie diese junge Frau versteht, mit Single-Gästen zu reden, werden vermutlich immer mehr Menschen dieses Wagnis eingehen.

Text: Uta Bühler

Abantal
Alcalde José de la Bandera 7
Sevilla
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