Die Zukunft der Manieren

Von TILMAN ALLERT

Wer wissen möchte, wie es um die eigene Kenntnis von Umgangsformen steht, kann das laut „Manager Magazin“ über Google mithilfe von 22 Fragen überprüfen. Weitaus die meisten, nämlich 20, drehen sich um das Benehmen am gedeckten Tisch. Einen Knigge für den souveränen Umgang mit dem Gegenüber wünschen sich viele: Wie man richtig mit Kunden umgeht, sich stilvoll kleidet oder in den neuen sozialen Netzwerken kommuniziert. Kein Wunder: Die Lehre des guten Benehmens ist Dauerthema in den Medien.

Ein Riesenerfolg ist die TV-Serie Downton Abbey nicht zuletzt deshalb, weil sie die Sehnsucht der Menschen nach gepflegten Umgangsformen stillt. Wir erleben täglich und mit unangenehmen, zuweilen sogar gefährlichen Folgen, wie wenig selbstverständlich Regeln des guten Benehmens geworden sind, und das nicht nur im Straßenverkehr. Wie steht es um die Zukunft der Manieren in Deutschland?

Die moderne arbeitsteilige Gesellschaft  stellt sich jenseits ihrer unschätzbaren Vorteile, hohe Mobilität und hohe Flexibilität zu ermöglichen, als eine kontinuierliche Herausforderung an die Lebensführung der Menschen dar. Ob jung oder alt, Mann oder Frau, in der Familie lebend oder als Single, alle Welt trifft auf die dauerhaft anstrengende Zumutung, privates und berufliches Leben in ein Gleichgewicht zu bringen. Auf beiden Seiten dieses Gleichgewichts, das es leider Gottes nur in der Theorie gibt, kommt es leicht zu Übertreibungen.

Diejenigen, die sich in ihren Beruf verliebt haben, können ihre Kollegen, aber erst recht ihre Angehörigen, Freunde und sogar Nachbarn ebenso nerven wie diejenigen, die sich, sei es schmollend, sei es strategisch entschlossen oder qua Lebensphilosophie, auf die faule Haut legen, den lieben Gott einen guten Mann sein lassen und sich auf die reine Kultur der Muße versteifen. Die Lebensführung offen genug zu halten für die Neugier auf das Neue, aber auch konsistent genug, um nicht in den Schwindel der Moden und Animationen zu geraten, ein selbstbestimmtes privates Leben führen unter kontinuierlichen Zumutungen, das gelingt einigen Menschen, und das sogar immer mal wieder bewundernswert leicht und mitnichten etwa nur in denjenigen Milieus, die von außen betrachtet als sorglos zu bezeichnen wären. Im Blick auf den Glücksfall gelingenden Lebens, auf den viele warten, den in der Gegenwart einzurichten vielen so schwer fällt, wird allerdings selten gesehen, dass die Voraussetzungen nicht nur von der individuellen Anstrengung abhängig sind, vielmehr sind es in hohem Maße die uns umgebenden sozialen Normen, die über unsere Lebensbefindlichkeit, unsere Daseinsfreude mitbestimmen.

Die Manieren, scheinbar das Nebensächlichste von der Welt, gehören zweifellos zur Lebensqualität. Jeder ist seines Glückes Schmied, stolpert seit eh und je die alte Weisheit durchs Gemüt des modernen Alltags. Dabei ist die Demonstration des Glücks, ja das genussvolle Annehmen des Glücks von den Zivilisationsnormen abhängig, zuallererst von den Manieren. Von Regeln also, die das Zusammenleben auf engstem Raum, das Miteinander sogar unter der Bedingung wechselseitiger Fremdheit erträglich und wichtiger noch: ungefährlich machen. Manieren steuern unseren Auftritt, sie ermöglichen Diskretion und Takt als die beiden Errungenschaften sozialen Lebens, auf die auch die moderne Gesellschaft bei aller Mobilität und Hochgeschwindigkeit ihrer sozialen Kontakte nicht verzichten kann.

Über Manieren wird derzeit viel nachgedacht, zumeist aus zwei ganz unterschiedlichen Perspektiven: Es hat sich eine Manieren-Nostalgie ausgebreitet, ausgelöst nicht zuletzt durch den prominenten Bestseller des äthiopischen Prinzen Asfa-Wossen Asserate. Er hat sich mit seinen Ausführungen zum Manieren-Haushalt der Deutschen als sensibler Kenner des Benehmens erwiesen, nicht ohne Ratlosigkeit zu hinterlassen angesichts der leitmotivisch wiederholten These, früher sei eben alles besser gewesen. Auch die Regeln des Benehmens seien selbstverständlicher befolgt, die Menschen seien gegenüber einer Reihe von sozialen Situationen, dem Empfang der Gäste, der Gestaltung einer Abendgesellschaft, stilsicherer gewesen.

Demgegenüber verlange die Steigerung der Austauschbeziehungen ihren Preis, sich auf das Wesentliche beschränken zu müssen, verleite die Menschen der modernen Gesellschaft zur Vulgarität im Gewande der Schnörkellosigkeit. Die zweite Perspektive schließt an dieser Diagnose an, versagt sich hingegen jede Form des kulturkritischen Pessimismus.

Die Manieren werden hiernach als eine milieugebundene Form der Umstandskrämerei gedeutet, unnötig und steif. Als Regeln, die dem authentischen Miteinander im Weg stehen. Hüten wir uns davor, als Schiedsrichter der genannten Einschätzungen aufzutreten. Die Frage, welcher der beiden Positionen zuzustimmen sei, setzt nämlich zunächst voraus, die allgemeine Funktion der Manieren zu bestimmen. Und das sei in aller Kürze erinnert: Manieren regeln das Zusammenleben, und zwar in doppelter Hinsicht: Sie schützen die Person ebenso wie die Ordnung des Zusammenlebens.

Diskretion und Takt als die beiden typischen Ausdrucksformen der Manieren können wir am besten verstehen, wenn wir auf ihre Funktion abheben, das Geheimnis des Gegenübers zu schützen und seine Individualität zu schonen. Interessant genug, gilt diese Funktion nun nicht allein der Person, sondern auch der Sozialordnung, in der sich jemand bewegt. Diskretion schützt das Zusammenleben. Wovor?

Vor Zudringlichkeit, vor Direktheit und vor der Tyrannei zu großer Nähe. Die Diskretion und im weitesten Sinne alle Regeln, die den Austausch regulieren, erhöhen somit die Elastizität. Indem sie die Direktheit vermeiden, sichern sie Spielräume. Und wodurch? Dadurch, dass sie in eine Begegnung ein winziges Moment der Verzögerung, heute als „Entschleunigung“ bezeichnet, einführen.

Insofern lassen sich die Manieren geradezu als ein Kulturerbe bezeichnen, in dem Menschen sich in der Kunst des Ornaments begegnen. Ja, in einer stark verrechtlichten und bürokratisierten Gesellschaft sind es Takt und Diskretion, die dafür sorgen, dass Menschen der Idee eines wechselseitigen Auskommens, und zwar jenseits rechtlicher Sanktionen eine eigene Würde zuschreiben. Wer gängige Urteile über Sinn und Unsinn der Manieren verfolgt, der stößt auf eine uralte Debatte. Eine, in der sich historisch betrachtet die höfische und die bürgerliche Gesellschaft, das Milieu des Adels und das Milieu der leistungswilligen aufsteigenden bürgerlichen Berufe gegenüberstanden.

Werden von den einen die Regeln des Umgangs als immer schon existierende und deshalb unverrückbare Temperierung der Affekte verstanden, als Möglichkeiten, sich untereinander als kundig und zugleich rücksichtsvoll darzustellen, so beklagen die anderen die Regeln als eine Sammlung von täuschender und selbsttäuschender Zuvorkommenheit.

Wenn auch dieser historische Konflikt zwischen Adel und Bürgertum unser Verständnis der Manieren begleitet, sind wir doch heutzutage in der Lage, die Manieren in ihrer Funktion unabhängig von den Standpunkten aus alter Zeit zu beurteilen. Sie haben nichts Altertümliches an sich, sind nicht ewiggestrig, vielmehr sind sie das Schmiermittel sozialen Austauschs in jeder Gesellschaft. An ihren Abweichungen, deren Zeugen wir tagtäglich sind, lassen sie sich sehr gut erkennen. Dreistigkeit und Frechheit, Anmaßung und Denunziation bilden die Gegenpole zur Kultur rücksichtsvoller Begegnung.

Allerdings darf man vor Entwicklungen nicht die Augen verschließen, die den Kanon der Diskretionsregeln bedrohen, der unser Zusammenleben bestimmt. In einer Gesellschaft, die in zunehmendem Maße kulturelle und soziale Durchmischung erfährt, schwindet der Geltungsbereich verbindlicher Regeln des Benehmens im öffentlichen wie im privaten Bereich. Fremde Kulturen mit eigenen Traditionen des Benehmens, des Austragens von Konflikten, provozieren lieb gewordene Selbstverständnisse und lassen vielerorts eine Haltung achselzuckender Lässigkeit gegenüber bisher Ungewohntem entstehen. Es kommt hinzu, dass zivilisierende Normen, die Verpflichtungen zur Rücksichtnahme etwa, allein schon dadurch bedroht erscheinen, dass in vielen Lebensbereichen Skepsis und das sogenannte „gesunde Misstrauen“ vorherrschen.

Diese entziehen den Manieren gewissermaßen ihre ureigene Qualität, machen sie damit scheinbar überflüssig. Seismografisch bedeutsam für das Ausmaß an zivilisatorischen Selbstverständlichkeiten, für das Gespür von Manieren, sind zweifellos das Hotel und das Restaurant. In diesen bedeutsamen Zwischenräumen halbprivater und halböffentlicher sozialer Begegnungen kommt es zum Gütetest der Manieren.

Hier bewähren sich die Standards unserer Zivilisation in besonderem Maß, und niemand entwickelt ein so scharfes Gespür für die Manieren wie diejenigen, die in ihren Berufen Gesten der Zuvorkommenheit und Diskretion exemplarisch zum Ausdruck bringen. Die Art und Weise, wie wiederum die Kundschaft ihnen begegnet, liefert einen Kompass für die Lebenskunde des modernen Menschen. Betrachtet man Manieren als Moderatoren des Austauschs, so mag einem der Gedanke abstrus vorkommen, es gäbe so etwas wie einen Zerfall. Manieren verändern ihre Ausdrucksgestalten, ihre rhetorische wie gestische Form, ihre Funktion für die Gestaltung unserer Beziehungen werden sie so schnell nicht verlieren. Dennoch: Ob Barbarei und Vulgarität oder Diskretion und Takt, darüber befinden allein die Menschen mit ihrem Benehmen.

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