D’ANGLETERRE KOPENHAGEN – THE WHITE LADY

Madonna und Michael Jackson haben in der Royal Suite (101) übernachtet, Robbie Williams und Königin Sonja von Norwegen logierten in Suite 411. Ein Vierteljahrtausend alt und eines der ältesten Grandhotels ist die Grande Dame, die Könige, Hollywoodstars und Dichter beherbergte. 2013 wurde das geschichtsträchtige Haus nach zweijähriger sachkundiger wie liebevoller Restaurierung unter den kritischen Augen der Besitzerfamilie Remmen und den Fittichen des dänischen Architekturbüros C. F. Møller wiedereröffnet. Ein dänisches Kulturdenkmal, dessen Seele heute wieder spürbar ist, nachdem Zugemauertes und Übertünchtes freigelegt wurden und damit der Zeitgeist verschiedener Generationen.

Beschaulich geht es im Grandhotel d´Angleterre nie zu. Auch vor der Tür auf dem „neuen Platz des Königs“, dem Kongens Nytorv Square, pulsiert es. Über die kommenden Jahre wird hier eine eingezäunte Baustelle bleiben, auf der 17 Stunden am Tag emsig gearbeitet wird. Notwendige Untergrundarbeiten für die U-Bahn, „Ändern lässt es sich nicht“, sagt Hoteldirektor Lucas Johansson, er weiß aber aus zuverlässiger Quelle, dass der Zeitplan exakt eingehalten wird. Die doppelt schallisolierten Fenster lassen keinen Lärm in die neuen Hotelzimmer und Suiten der "White Lady" durchdringen, weder von der Baustelle noch vom Straßenverkehr. Hans Christian Andersen wäre enttäuscht. Er liebte das d’Angleterre, wollte aber stets das Herz der Stadt klopfen hören. Im November 1860 wechselte der Dichter in ein Zimmer nach vorn zur Straßenseite, die Ruhe im hinteren Gebäudeteil fand er unerträglich.

Das d´Angleterre ist von Beginn an bis heute eine Geschichte der Liebe: Ein junger Franzose, Friseur und Barbier, reist Mitte des 18. Jahrhunderts als Maskenbildner mit einer Theatergruppe nach Kopenhagen, verliebt sich in die muntere Stadt – und beschließt zu bleiben. Als Diener findet Jean Marchal eine Stelle am königlichen Hof und dort seine große Liebe, Marie Coppy. Die beiden Liebenden heiraten und eröffnen 1755 ihr eigenes Restaurant in der Nähe des Kongens Nytorv Square. Das ist die Geburtsstunde des Hotels d´Angleterre. Ihre Gäste lieben sie und auch das Gefühl, so zu essen wie der König. Denn Marie ist die Tochter des königlichen Chefkochs und eingeweiht in alle Küchengeheimnisse. Nachdem das Haus 1795 einem Großbrand zum Opfer gefallen, wurde es als Hotel wieder aufgebaut und entwickelte sich rasch zum ersten Haus am Platz.

In den 1970er Jahren baut Henning Remmen eine kleine Hotelkette auf, die seinen Namen trägt. 1993 fügt er ihr einen Solitär hinzu: das d’Angleterre, das er zu einem „vernünftigen Preis“ erwerben konnte. Aus aller Welt reisen die Menschen die kommenden Jahre an, um die fazinierende weihnachtliche Außendekoration zu bestaunen, die sich eindrucksvoll über die gesamte Fassade des Hauses zieht. Im Mittelpunkt stehen auf der langen Terrasse der Royal Suite meterhoch leuchtende Rentiere und Schlitten. Eine Inszenierung, die unverkennbar die Handschrift von Else Marie Remmen trägt, der ausgebildeten Theaterrequisiteurin, die heute den Vorsitz der Remmen-Stiftung führt. 2007 erkrankt ihr Mann Henning schwer, verkauft Hotels und Unternehmungen, um die Erlöse in die von ihm gegründete Remmen Foundation fließen zu lassen. Er und seine Frau Else Marie leben in Monaco, besuchen aber regelmäßig die Kinder in Kopenhagen. „Immer, wenn ich dann am d’Angleterre vorbeifuhr, schien es mir, als würde mich das Hotel um Hilfe anflehen“, erzählt sie. 2010 kauft die Remmen-Stiftung das Hotel zurück. Wieder zu einem „venünftigen Preis“, nicht ahnend, in welche Höhe die Kosten für die Renovierung steigen würden. Else Marie und Henning Remmen wollen das Denkmal der Grandhotellerie schützen, es zurück in seine Führungsposition bringen und an seinen Platz in der Gesellschaft. Ein Geschenk für Kopenhagen und ein Zeichen ihrer Liebe. Leider wird Henning Remmen die Fertigstellung nicht mehr erleben.

Das Haus stand auf brüchigen Fundamenten, Einsturzgefahr drohte. 22.000 Tonnen frisch im Erdreich verankertes Eisen stützen es heute. Ein anderes Metall, Blei, steckt in den Wandfarben und muss in mühseliger Kleinarbeit in Schutzanzügen und Maske entfernt werden. Über zwei Jahre arbeiten rund 250 Handwerker im Haus. Originale Details, Kamine, Jugendstil Gesimse, Kommoden und die über 100 Jahre alten Lampen an Wänden und Decke der Hotelflure werden erhalten. Der Abriss von Zwischendecken sowie die Entfernung anderer, fehlgeleiteter "Modernisierungsmaßnahmen" in den 1950er und 1960er Jahren bringen auch positiv Überraschendes zum Vorschein. Enthüllen Vergessenes wie die herrliche Kuppel über dem Eingang des Hotels, die jetzt in Weiß und Gold strahlt, und auch die zugemauerte Balustrade über dem Ballsaal.

Aus 123 Gästezimmern werden 90, darunter 60 Suiten. Luxuriöse Textilien, Seidentapeten und Marmor in den Bädern – der übliche Luxus? Nein, so kann man es nicht beschreiben. Die Selbstverständlichkeit, mit der sich die einzelnen Komponenten zusammenfügen, verraten die vorausgegangenen Anstrengungen. Das Ringen um Perfektion. Einfach zu handhabende Technik und dabei State-of-the-Art. Natürlich vom dänischen Qualitätsführer Bang & Olufsen mit großen Flachbildschirmen und Soundsystem ausgestattet. Beinahe aus dem 22. Jahrhundert ist der neue großzügige Spa mit glamourösem Pool auf 2.000 Quadratmetern Fläche. 20. Jahrhundert, aber ausgestattet mit neuer Technik, sind der Ballsaal, den die Kopenhagener regelmäßig mit Leben füllen, und der legendäre Palm Court. Schließt man die Augen – kann man leise die Musik des d’Angleterre-Orchesters hören und sieht vor dem inneren Auge vornehme Musiker mit Kummerbund und weißer Fliege. Damen der Gesellschaft in langen Kleidern, flankiert von vornehm gekleideten Herren im Frack, eingehüllt im Rauch von Zigarren. Eine Galerie mit alten Fotos und Kupferstichen erinnert an diese Zeit, zeigt aber auch, wie behutsam alle baulichen Veränderungen vorgenommen worden sind, um dem Haus seine intakte Seele zu bewahren. „Zeitgeist drückt sich am deutlichsten in der Kunst aus“, weiß Else Marie Remmen. Stimmig und spannend wie in einem Theaterstück, das eben nur gut ist, wenn es eine Geschichte glaubwürdig erzählt, wurde während der zweijährigen Bauphase für jedes Zimmer, für jeden Hotelflur und jeden anderen öffentlich zugänglichen Bereich die passende Kunst ausgewählt. Vorwiegend zeitgenössische dänische Künstler wie Erik A. Frandsen, Morgans Andersen, Richard Strange Mortensen, Asger Jorn, Helge Ernst, William Skotte Olsen und Per Kirkeby. Aber auch Mirós und Coignards sind darunter. Für Gesprächsstoff sorgte ein Porträtwechsel. An exponiertester Stelle über der Rezeption verdrängte das Warhol-Pop-Art-Porträt der dänischen Königin Margrethe II. die von Winterhalter gemalte junge Königin Victoria von ihrem Platz – nicht aber aus dem Umfeld. Eine folgerichtige Entscheidung, das Hier und Jetzt in den Vordergrund zu stellen. Gleichzeitig eine verständliche und deshalb so gelungene Dokumentation, wie eine harmonische Verbindung zwischen den verschiedenen Jahrhunderten geschaffen werden kann. Herzstück des Hauses ist das Genuss-Areal im Erdgeschoss mit offener Weinbar und dem in wenigen Monaten zum kulinarischen Hotspot der Stadt aufgestiegenen Restaurant Marchal mit der Küche von Ronny Emborg (s. a. Restaurant Marchal S. 74 ff), der zukünftig wohl länderübergreifend von sich reden machen wird. Den Abend perfekt ausklingen lassen oder am Nachmittag einen prickelnden Stopp einlegen kann man in der Balthazar Champagner-Bar an der Rückseite des Hotels, mit direktem Zugang auch von der Straße. Barman Jannick Gram mixt meisterliche Cocktails – sich auf einen „Downtown Abbey“ nach Feierabend zu verabreden, ist ein liebgewonnenes Ritual für manche und könnte zur Tradition werden.

Erich Kästner verewigte das d‘Angleterre in seinem Roman „Die verschwundene Miniatur“ und Alfred Hitchcock als Filmkulisse in „Der zerrissene Vorhang“. Seine größten Auftritte stehen dem Grandhotel noch bevor.

© STERNKLASSE-Magazin 2014