Cyrus Heydarian, Breidenbacher Hof – Düsseldorf

Der Breidenbacher Hof in Düsseldorf. Eine Legende. Zweimal schon lag sie nach einer glanzvollen Ära zerstört am Boden. Beide Male erhob sich die Grande Dame gestärkt, mit neuer Eleganz und Anmut. Zuletzt 2008. Seitdem ist Cyrus Heydarian der fürsorgliche Arm an ihrer Seite. Direktor des ersten Capella Hotel Deutschlands, Hotelier des Jahres 2015. "Eine Auszeichnung", sagt er, "für jeden Breidenbacher."

Die Worte, in denen falsche Bescheidenheit mitschwingen könnte, klingen aufrichtig aus seinem Mund. Nach dem sechsthellsten Stern am Nachthimmel, dem Doppelstern Capella, hat Begründer Horst Schulze die von ihm ins Leben gerufene luxoriöseste aller Hotel- und Resort-Kollektionen benannt; zum Leuchten bringt sie jeder Mitarbeiter auf der Welt. Und alle tragen die Capella-Sterne mit Stolz.

„Haben Sie heute schon Sport gemacht?“, fragt Cyrus Heydarian in die Runde und blickt dabei in 15 hellwache Augenpaare. Es ist neun Uhr, fast alle nicken. Die neuen Mitarbeiter im Breidenbacher Hof sind mit Joggen, Fahrradfahren, Krafttraining, Gymnastik und Tanzen in den Tag gestartet.

Praktikanten, Ausgelernte und Abteilungsleiter wie Alexander von Süßkind (Empfangschef) und Jacques Backhaus (Restaurantleiter Brasserie 1806). Darunter auch ein frisch ausgelernter Hotelfachmann aus Mönchengladbach mit abgebrochenem Studium der Luft- und Raumfahrttechnik, eine Taekwondo- Meisterin, ein Restaurantfachmann aus Cottbus, der Vater von zwei Kindern ist. Eine junge Vietnamesin, die in Dresden ein Einser-Abitur gemacht hat und ihr Studium selbst finanziert, ein junger Mann, der nach der Schule schnurstracks nach London ging, um beherzt im traditionsreichen Grandhotel Connaught anzuklopfen, wo er den gewünschten Praktikumsplatz auch bekam. Mit den Antworten auf Fragen „Wo sind Sie geboren?“, „Wie sind Sie zur Hotellerie gekommen?“, „Was war die schönste Zeit in Ihrem Leben?“, „Was können Sie am besten?“ und „Wer ist eine der wichtigsten Personen in Ihrem Leben?“, beginnt die Mitarbeitereinführung.

Ein zweitägiger, fester Baustein der Capella Hotels and Resorts. Wer sind wir? Was wollen wir erreichen, was sind unsere Ziele? Was wollen unsere Eigentümer? Höchste Durchschnittsraten und beste Auslastung in jedem Markt sind die erklärten und immer wieder erreichten Ziele von Capella. Man weiß: Jedes neue oder komplett renovierte 5-Sterne- Hotel kann seine Mitbewerber mit der Ausstattung übertrumpfen – solange bis das nächste Luxushotel eröffnet.

Ein unendlicher Hardware-Wettkampf. Aber kommt der Erstgast wieder, wenn er das vorübergehend modernste Haus am Platz einmal besichtigt hat? Wegen der Designer-Lampe und eines luxuriösen, vorgewärmten Toilettendeckels? Oder besucht er dasselbe Hotel wieder, weil er dort persönliche Beziehungen geknüpft hat? Diesen Weg wählt Capella. Von Silvia Halenar verabschieden sich morgens Hotelgäste in der Brasserie 1806 freudig „Bis Morgen, Frau Halenar!“ oder „Wir sehen uns doch Morgen zum Frühstück wieder, Silvia. Oder nicht?“ Jeder Mitarbeiter im Breidenbacher Hof ist handverlesen – von besonderem Talent. Trotz fachkompetenter Bewerbungen blieb die Position des Barmanagers im Breidenbacher Hof monatelang unbesetzt – bis mit Thorsten Feth der Richtige kam. Wissen und Fertigkeiten lassen sich schulen, vorhanden sein muss „Talent plus“, so drückt es Capella F&B Vice-President Peter Schoch aus. Eine Mischung aus Herz, Leidenschaft, Sensibilität und Freundlichkeit. Gemeint ist das Talent, Gäste in den Arm zu nehmen, sich proaktiv um jeden Gast zu kümmern.

Monarchen, Staatsmänner und große Künstler schlafen und tafeln seit 1812 im Breidenbacher Hof. Und natürlich auch Normalsterbliche, die das Geld haben und bereit sind, es für sich auszugeben. Solche, die es sich wert sind, und solche, die sich vielleicht einmal im Leben das ganz Besondere gönnen wollen. Der Breidenbacher Hof ist für alle da.

1806 kauft der Düsseldorfer Gastwirt Wilhelm Breidenbach das Grundstück. 1812 eröffnet er sein Traumhotel, hat den Adel als Zielgruppe fest im Visier. Noch liegt das später in Palasthotel umgetaufte Haus nicht an einer 1A-Lage, was sich laut Stadtplanung aber bald ändern soll. Nur läuft leider in den ersten Dekaden nicht alles wunschgemäß. Napoleon marschiert gen Russland, was – wie man heute weiß – nicht gut ausgehen wird. Die Folgen treffen Düsseldorf wie den Breidenbacher Hof, deren Schicksale eng mit dem Korsen verknüpft sind.

Mitte des 19. Jahrhunderts setzt die Industriealisierung ein, Breidenbach ist längst in Golzheim begraben, Düsseldorf verdoppelt seine Einwohnerzahl. Zar Alexander II. Nikolajewitsch und Prinz Friedrich von Preußen fahren mit der Kutsche vor. In Limousinen lassen sich im 20. Jahrhundert Sir Winston Churchill, König Juan Carlos und Konrad Adenauer zur Königsallee chauffieren. Bis dahin hat das Grandhotel mehrfach Inneres, Äußeres und seinen Besitzer gewechselt.

Eine lange Zeit der Beständigkeit erlebt es 1933 bis 1970, unter der Leitung von Dr. Georg Linsenmeyer. Wenn es auch im II. Weltkrieg völlig abbrennt – die technischen Geräte im Keller, Kühlung, Heizung und Waschmaschinen bleiben dabei unversehrt. Große Teile des Betriebsvermögens hat der umsichtige Hotelchef bei Kriegsbeginn vorausschauend ausgelagert. So bleiben Sachund Kunstwerte, Weinkeller, 25 Hotelzimmereinrichtungen und anderes Mobiliar erhalten. Sie ermöglichen nach dem Krieg auch die für einen raschen Wiederaufbau erforderliche Kreditaufnahme in Millionenhöhe. Vorauszahlungen nimmt Linsenmeyer auch von zukünftigen Mietern. Der Hotelneubau sieht nun nach amerikanischem Modell auch vermietbare Flächen für Büros und Ladenlokale vor. Und ebenfalls am Beispiel amerikanischer Luxushotels lässt der promovierte Hotelier spektakulär neue Technik wie Klimaananlagen für jedes Zimmer einbauen und setzt das eigene Bad dazu als Standard.

Gäste feiern bei der Wiedereröffnung 1950, dass sie direkt vom Zimmer telefonieren können und auch das Vorhandensein spezieller Steckdosen für elektrische Rasierapparate. Dazu: die neue himmlische Schlafruhe! Schallschutz. Umgesetzte Forschungsergebnisse aus dem Flugzeugbau. Doch die amerikanische Technik, die Funktionalität, ordnet der Unternehmer der europäischen Kultur unter, den exklusiven Lebensgewohnheiten und der besonderen Atmosphäre – zu der auch perfekter Service und die Prägung durch seine Gastgeber-Persönlichkeit zählen. Linsenmeyer bringt es damals und bis heute gültig auf den Punkt: „Es ist der große Vorzug des Breidenbacher Hofs, dass er eine wohl ideale Synthese von Hotelkultur, Tradition und modernster Technik darstellt.“

Die älteste Tochter Renate übernimmt den Breidenbacher Hof 1970. Ein feines Gespür für ihre Zeit zeigt sie mit der Eröffnung des Restaurants Breidenbacher Eck, das – von der Straße direkt zugänglich – zum Wohnzimmer der feinen Düsseldorfer Gesellschaft wird. Und es bis zu seiner Schließung 1999 bleibt. Ein unglaublicher Coup gelingt ihr mit dem neuen Nachtclub Régine’s, der auf Anhieb zum Hot Spot der Stadt wird. Jeder möchte am The Place to be sein – aber nicht jedem wird Eintritt gewährt.

Diese „Verschlossenheit“ steigert die Begehrlichkeit seinerzeit ins Unermessliche. Champagner fließt im Club in Strömen so wie das berühmte Düsseldorfer Altbier vom Zapfhahn im Uerige. 1985 gibt sie den Breidenbacher Hof in gute Hände weiter,  keines ihrer beiden Kinder möchte in Großvaters Fußstapfen treten. Auch Georg Rafael, heute Vice- Chairman der Orient Express Hotels, wird die Geschichte nach ihr weitere fünfzehn Jahre erfolgreich fortschreiben, indem er den Breidenbacher Hof öffnet und der bis dahin Geschlossenen Gesellschaft neues Blut zuführt. Seine Ära beendet das große Brandunglück am Düsseldorfer Flughafen. Daraufhin folgen strengste Brandschutzverordnungen, die letztendlich die Grande Dame im Mai 1999 bis 2008 in einen Dornröschenschlaf versetzen.

2014 kam die Royal Suite auf einer neu errichteten neunten Etage hinzu, mit drei Schlafzimmern auf 400 Quadratmetern. Sie wird mit 14.000 Euro am Tag berechnet. „Das ist unfassbar viel Geld für uns alle“, sagt Hotelchef Cyrus Heydarian. „Es bedeutet unfassbar viel Aufmerksamkeit für den Gast – nicht unfassbar viel Obst:“

© STERNKLASSE-Magazin 2014