Baur au Lac – Zürich

Omotenashi auf Schwyzerdütsch

Wenn Voiturier Hans Stricker (57) Reisenden die Wagentür öffnet, ummantelt er sie mit einer Freundlichkeit, so wärmend wie ein Lagerfeuer – und genauso lebendig. Es geschieht auf eine freundliche Art und Weise, mit Sätzen frei von Phrasen. Mit Worten, die eingebettet sind in eine frische Melodie, fröhlich und frei von Devotem. Strickers Begrüßung ist so persönlich, so authentisch, wie man einen lange nicht gesehenen Freund begrüßt. Während er spricht, reicht sein Lächeln vom Mund über die Augen bis zu den kleinen …

… Fältchen am Haaransatz und springt ganz automatisch nach wenigen Sekunden ins Gesicht seines Gegenübers. "Omotenashi" nennen es die Japaner. Keine andere Sprache der Welt hat ein ähnliches Wort, das eine Haltung beschreibt, die so viel bedeutet wie: "Den Kunden aus tiefstem Herzen und völlig selbstlos glücklich machen wollen."

Schöne Kleider, Landschaften, selbst Gefühle wie Freude oder Verzweiflung lassen sich fotografieren. Doch wie bildet man Gastfreundschaft oder hervorragenden Service ab? Das ist nahezu unmöglich. Dem Fotografen Pascal Mora gelang dieses seltene Kunststück kürzlich unbeabsichtigt. Am Morgen des 27. Mai 2015 drückte er auf den Auslöser und schickte sein Foto Minuten später zur New York Times. Von hier ging es um die Welt. Es zeigt ein weißes Bettlaken, gespannt zwischen Gehweg und einem grauen Corsa mit offener Heckklappe; gehalten von einer männlichen Rückenansicht im schwarzen Anzug. Sechs hochrangige FIFA-Funktionäre waren an diesem Morgen im Zürcher Grandhotel Baur au Lac festgenommen worden. Doch ihre Gesichter blieben hinter akkuraten Bügelfalten im Verborgenen. Geschützt vom Night Manager des Grandhotels, der geistesgegenwärtig den Griff in die Wäschekammer des legendären Hauses angeordnet hatte.

Für die Polizei war es zuvor ein leichtes Spiel gewesen, die unter Korruptionsverdacht stehenden Männer ausfindig zu machen. Denn Zürcher Hotels sind verpflichtet, die Namen aller Gäste der Kantonspolizei zu melden. Nach der Festnahme der Verdächtigen erhielt Hoteldirektor Wilhelm Luxem hundert und mehr Interviewanfragen aus aller Welt. Doch er, wie alle Mitarbeiter des Baur au Lac, hüllen sich in Schweigen. Diskretion ist seit über 170 Jahren die eiserne Säule des Grandhotels. Zu erfahren war von Luxem allein: "Die Beamten waren sehr höflich."

Mit dem Backen kleiner Brötchen legte der aus Österreich stammende Johannes Baur den Grundstein für das 1844 eröffnete Grandhotel, das bis heute in sechster Generation zu 100 Prozent im Besitz der Gründerfamilie ist. Eine seltene Ausnahme, schaut man die Vita vergleichbarer Luxusadressen an. 1820 lässt sich der 25-jährige Bäcker Baur in Zürich nieder. Schon bald darauf kann der Sohn früh verstorbener Wirtsleute eine eigene Wirtschaft in 1a-Lage eröffnen. Er heiratet und träumt von einem großen Gasthaus. Einem Hotel mit fester Stammkundschaft, die er nicht nur mit Speisen und Getränken versorgt, sondern die bei ihm verweilt. Eine kühne Vision. Er hatsie fünfzig Jahre früher, als andere sie haben!

Das Reisen steckt noch in Babyschuhen und ist auf Schiff und Kutsche angewiesen. Doch die Wirklichkeit wird die Kühnheit übertreffen. Als 1844 die erste Eisenbahn zwischen Straßburg und Zürich verkehrt, im gleichen Jahr, in dem der deutsche Verleger Karl Baedeker seinen ersten Reiseführer herausgibt, eröffnet Johannes Baur das Baur au Lac. Es ist bereits sein zweites Hotel. Die Welt hält ihn für verrückt. Ein Hotel hatte in der Stadt zu liegen, nicht am Seeufer! ,

Doch Baur wusste es besser. Der überwältigende Erfolg seines sechs Jahre zuvor in der Zürcher Stadt eröffneten Hotel Baur en Ville, mit 140 Betten und einem Stall für 40 Pferde ein sehr stattliches Haus, wird sich in der zunächst nur für drei Sommermonate geöffneten Residenz am See fortsetzen. Johannes Baur erfindet den tadellosen Service, setzt auf Rundumbetreuung der Reisenden.

Überprüft regelmäßig mit einem weißen Handschuh in Kammerdienermanier die Staubfreiheit  der Möbel; gibt Mitarbeitern konstruktives Feedback, bietet den Gästen herausragend gutes Essen und Komfort. Die Zimmer werden mit Blumensträußen geschmückt. Holzscheite werden in den Kaminen geschichtet. Und wenn angebracht, werden Porträts von gern gesehenen Verwandten in den Gastzimmern des reisenden Hochadels aufgehängt. 1853 engagiert Baur den sächsischen Komponisten Richard Wagner für vier Aufsehen erregende Nibelungen-Musikabende – Zielgruppen gerich-tetes Marketing, das als Instrument noch nicht erfunden ist, wendet Baur da bereits an. Im Jahr darauf reservieren über 100 Künstler – damals noch ganz selbstverständlich auf eigene Kosten–, um den skandalumwitterten Meister und seine „Zukunftsmusik“ persönlich zu erleben.

Neben das Hauptgebäude setzt Johannes Baur ein kleines Palais für namhafte Persönlichkeiten, die unerkannt die Annehmlichkeiten des Hotels genießen wollen. Das Haus ist bald auch in den Wintermonaten gebucht. Ein späterer Stammgast, Franz Liszt, ist 1845 der erste berühmte Gast. Elf Jahre darauf, wird der gefeierte Pianist am 45sten Geburtstag von seinem späteren Schwiegersohn Richard Wagner mit einem besonderen Ständchen im Hotel überrascht. Der nur zwei Jahre jüngere, ständig in Geldsorgen lebende Wagner improvisiert an diesem – Geschichte schreibenden! – Abend die Uraufführung des ersten Aktes seiner Walküre. Der Komponist selbst singt die Rollen des Siegmunds und des Wotans, während Franz Liszt ihn am Klavier begleitet und die unbekannte Partitur vom Blatt spielt.

Unter gräflichem Pseudonym reist 1852 König Oskar I. von Schweden an, doch sein 28-köpfiges, unübersehbares Gefolge verrät seinen viel höheren Stand. Baur und sein Personal lassen sich jedoch nichts anmerken. Der schwedische König bleibt als Gast nicht der einzige regierende Monarch. Und die Sitte des Adels, inkognito zu reisen, verlangt von Johannes und seinem Personal nicht nur Diskretion, sondern auch die Geistesgegenwart, sich die unterschiedlichen Pseudonyme zu merken und stets präsent zu haben. Im Besuchsjahr des schwedischen Königs überträgt Johannes Baur die Leitung beider Hotels seinem 24-jährigen Sohn Theodor – ohne sich aber aufs Altenteil zurückzuziehen. Theodor vernetzt als erste große Maßnahme das Hotel mit dem Rest der Welt, schafft einen der ersten  elektrischen Telegraphen an. 25 Jahre später wird der Fernsprecher seinen Siegeszug beginnen. Neben politischen Gründen hat möglicherweise dieser Telegraph seinen Teil beigetragen, dass Zürich ausgesucht wird für die schwierigen diplomatischen Verhandlungen im Winter 1859.

Sie münden nach zehn aufregenden Wochen im "Zürcher Frieden" und bringen Italien die Einheit. Karikaturisten spötteln, Vater und Sohn Baur seien die eigentlichen Gewinner dieser Friedensverhandlungen. Hunderttausend Franken Umsatz, so berichtet die Neue Zürcher Zeitung, hätte der Kongress den Hoteliers beschert. Dazu viele neue Stammgäste aus besten Kreisen. Der Speisesaal des Hotels wird von nun an mehr und mehr zum Wohnzimmer für den europäischen Hochadel. Zarin Alexandra Feodorowna, die Herzogin von Parma, Erzherzog Karl-Ludwig von Österreich, der König von Württemberg und die Königin von Holland wohnen und speisen im Baur; als amüsante Anekdote aus dieser Zeit ist überliefert, dass der Oberkellner dem Küchenchef zugerufen haben soll: „Der nächste Gang für den König!“, worauf der Küchenchef erwiderte: „Für welchen? Wir haben zwei im Saal.“

1866 reist Elisabeth "Sisi", Kaiserin von Österreich und Königin von Ungarn das erste Mal an. Sie wird noch zweimal wiederkommen und liebt, trotz strenger Dauerdiät, Château Lafite und Veuve Clicquot. Theodor wird in den Vorstand des Schweizer Hoteliervereins gewählt. In den 1880er-Jahren bricht in Zürich eine Typhus-Epedemie aus – woraufhin die Übernachtungszahlen einbrechen. Ein herber Schlag.

Mit 57 Jahren übergibt Theodor die Leitung des Baur au Lac an seine Tochter Emma. Sie heiratet 1889 Karl Kracht, den Sohn eines Kölner Hoteliers, Besitzer des Excelsior Hotel Ernst. Im gleichen Jahr wird in London das Savoy eröffnet. Emma und Karl werden das Baur au Lac später erben, während das Baur en Ville (1910 in Savoy Baur en Ville umbenannt) in den Besitz von Emmas Schwester übergehen wird. Zürich ist von 28.000 Einwohnern zu Beginn der Johannes Baur Ära auf 120.000 gewachsen. 1888 wird Zürich elektrisch beleuchtet, Karl Kracht schließt sich diesem Fortschritt bald darauf an, lässt zudem den ersten hydraulischen Fahrstuhl einrichten und führt die Table d’hotels, die Wirtstafel, wieder ein – aber an intimen Einzeltischen. Er eröffnet den eleganten Grill-Room, aus dem im 20. Jahrhundert das heutige Restaurant Rive Gauche wird. Und er schafft, nach Vorbildern in London und New York, eine „American Bar“. Damit erreicht er sein Ziel, neben der internationalen Kundschaft, verstärkt die Zürcher als regelmäßig wiederkehrende Gäste ins Haus zu holen.

Freifrau Bertha von Suttner, die als Sekretärin von Alfred Nobel zur Waffenexpertin geworden ist, bewegt ihren alten Arbeitgeber Nobel 1895, unter der Kuppel der Wohnhalle im Baur au Lac, zur Stiftung eines internationalen Friedenspreises. Nobel war mit der Erfindung des Dynamits steinreich geworden, aber ganz im Gegensatz zu von Suttner ist der schwedische Chemiker der Meinung, dass Massenvernichtungswaffen weit besser geeignet sind, Kriege in Schach zu halten, als Friedenskonferenzen. Dass er sein Testament kurz darauf dennoch, ein Jahr vor seinem Tod, ändert, ist von Suttner zu verdanken – 1905 erhält die leidenschaftliche Pazifistin als Fünfte den von ihm gestifteten Friedensnobelpreis. 1899 eröffnet auf dem Zürichberg das Grand Hotel Dolder.

Im Juni 1902 wirbeln große Staubwolken auf. Dazu ertönt der ohrenbetäubende Lärm von 148 Automobilen, die sich ein Rennen von Berlin nach Paris, quer durchs beschauliche Zürich, liefern. Der stinkende Fortschritt wird von den einen mit offenen Armen angenommen, von anderen mit Empörung abgelehnt. Karl Kracht hat noch immer Platz für 20 Pferde im Stall, ahnt aber, dass der Pferdewagen das Duell verlieren wird. 1905 erwirbt Kracht selbst ein Automobil, richtet an der Glärnischstraße eine Werkstatt ein – und „Chauffeurs-Zimmer“ im Hotel. Im selben Jahr entstehen Bäder mit fließendem Wasser, der Gewinn steigt von 1,75 Franken auf 12,75 Franken pro Gast. Thomas Mann verbringt mit Ehefrau Katja die Flitterwochen im Baur au Lac und berichtet seinem Bruder Heinrich von Dinner-Abenden im Smoking und gesteht: "Ich lebe momentan auf größtem Fuß."

Mit der ureigenen Schweizer Geschäftstüchtigkeit lassen Ladenbesitzer der Bahnhofstraße ihre Geschäfte 1912 beim Besuch von Kaiser Wilhelm II. geschlossen, verkaufen aber hinter ihren Schaufensterscheiben 1A-Logen-Stehplätze zu 20 Franken. Eigens für das kaiserliche Dinner am Abend wird im Baur au Lac eine runde Tafel für 36 Gedecke auf Maß angefertigt. Ihr Durchmesser beträgt sagenhafte sieben Meter! Sagenhaft sind auch die Kosten für den kolossalen Zeitzeugen, der für einen nur 70-minütigen Einsatz aufgebaut wird: 2.500 Franken. Die Riesentafel befindet sich bis heute im Besitz des Baur au Lac – sie ist aber nicht mehr im Hotel untergebracht, sondern in einem Außenlager.

Der Kaiser tafelt ungern lange, "Fasan im Schmortopf“ lässt er als Hauptgang servieren. Unbemerkt eingeschlichen haben sich zu dem kaiserlichen Schmaus stille Zaungäste. Sie halten sich versteckt hinter dem Gitter eines Luftabzugs und nehmen erstaunt zur Kenntnis, dass der Kaiser mit einem seltsamen Besteckteil isst. Ein Gerät mit einem merkwürdig gebogenen Zinken. Wilhelm II. hat es stets bei sich, es dient ihm zugleich als Messer und Gabel. Als Majestätsbeleidigung gilt allerdings, über die verkrüppelte Hand des Monarchen an seinem 15 Zentimeter kürzeren Arm zu sprechen. Nicht überliefert ist, ob auch Hermann, der Sohn von Karl Kracht, von seinen Mitschülern Eintrittsgeld fürs Kaiser-beim-Essen-Zugucken verlangt hat. Kaum ist Ende 1913 der neue Pavillon fertiggestellt, stirbt der erst 52-jährige Karl Kracht.

Die Söhne Hermann und Fritz übernehmen das Ruder nach einer Interims-Geschäftsführung ihres Cousins Hans Kern. Kurz darauf tobt um die Schweiz her-m der Erste Weltkrieg. Es ist eine Zeit der Lebensmittelrationierung und Preisinflation, die auch das Hotel stark belastet. Und selbst die später sogenannten „Goldenen Zwanziger Jahre“ beginnen für Hermann rabenschwarz. Völlig unerwartet stirbt sein Bruder, nur 31 Jahre alt. Mit unglaublicher Energie holt Hermann, den ein Knochenleiden zwingt, am Krückstock zu gehen, Leben und Unterhaltung ins Haus. Veranstaltet Modenschauen und Maskenbälle, wirbelt die Schneepiste auf Spezial-Skiern hinunter und führt als Rennfahrer nicht selten das Feld an. Ein Mega-Ereignis wird die Ankunft von Franz Lehár 1925, dessen „Lustige Witwe“ zu der Zeit in 25 Sprachen weltweit gesungen wird und seit seiner Premiere 1905 schon über 100.000 Mal aufgeführt wurde.

Die Pferde verlassen 1927 endgültig den Baur au Lac-Stall, 1929 trägt sich Wilhelm Furtwängler ins Gästebuch ein, und im Oktober des gleichen Jahres wird Franz Lehárs neueste Operette „Das Land des Lächelns“ in Zürich uraufgeführt. 25 Jahre nach der Lustigen Witwe hat es der Komponist der heiteren Melodien damit noch einmal allen gezeigt. Ganz Zürich pfeift fröhlich und unbeschwert den Gassenhauer „Dein ist mein ganzes Herz“, als zehn Tage später die New Yorker Börse zusammenbricht.

Hermann Kracht und seine Frau Elizabeth stemmen sich mit Ideenreichtum und aller Kraft gegen die Wirtschaftsdepression. Auch mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln. Weil das Geld fehlt, die Bäder aber dennoch renoviert werden müssen, lassen sie Kacheln an den Wänden aufmalen. 1930 ist der 84-jährige französische Meisterkoch Auguste Escoffier im Haus und zu Gast bei der Zürcher Internationalen Kochkunstausstellung. Und Hermann Kracht holt das umjubelte US-amerikanische Swing-Orchester von Jack Hylton ins Baur au Lac. Doch das Hotel leidet. So wie auch die Schweizer Wirtschaft mit ihren europäischen Nachbarn leidet. Die Aufträge der Exportindustrie und Uhrenherstellung gehen um 65 Prozent zurück.

Die Zahl der Arbeitslosen steigt dramatisch, der Schweizer Franken wird 1936 um 30 Prozent abgewertet und Winston Churchill schickt die Royal Air Force nach Zürich. Um den englischen König abzuholen, der die letzte Nacht seiner ausgiebigen Europa-Rundreise, gewissermaßen waren es vorgezogene Flitterwochen mit seiner Noch Mätresse, im Baur au Lac verbringt (offiziell wohl angemerkt: in getrennten Suiten). Im Dezember dankt Eduard VIII. ab und verzichtet auf den Thron aus Liebe zu der zweimal geschiedenen Amerikanerin Wallis Simpson. Eine unstandesgemäße Liebe, die einem König zur damaligen Zeit nicht erlaubt war, durch Heirat zu legalisieren.

Zu diesem Zeitpunkt ist Elizabeth Kracht schon seit vier Jahren Witwe. Sie gründet mit Tochter Heidi und Sohn Charles, der beim Tod des Vaters erst 13 ist, die H. Kracht’s Erbengemeinschaft. Kurz vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs spaziert ein anderes Paar verliebt durch den sorgfältig gepflegten Hotelgarten – bevor er zum Kartoffelacker wird: Erich Maria Remarque und Paulette Goddard. Der Schriftsteller und die geschiedene Mrs. Charlie Chaplin werden 1958 heiraten. Das Hotel wird in diesen turbulenten Zeiten von Direktor Ernst Schaerer geleitet, der es umsichtig durch die nächsten beiden Dekaden führt.

Im Baur au Lac alles wieder seinen gewohnten Gang. Das niederländische Königshaus ist zu Gast, Duke Ellington trifft mit seiner Big Band ein, der Schah von Persien mit seiner Gattin Soraya. Charles Kracht hat die Familienleitung übernommen und möchte die Hotelzimmerkapazität von 220 auf 350 erhöhen. Die Pläne scheitern am Stadtrat.

Marc Chagall und Joan Miró steigern den ideellen wie auch den materiellen Wert der Gästebücher. Und Yves Saint Laurent wird in seinem weißen Jackett auf der Terrasse mit dem Oberkellner verwechselt. Alfred Hitchcock schüttelt glaubwürdig den Kopf, als er für Alfred Hitchcock gehalten wird, zeigt auf seinen stattlichen Bauch und erklärt, er sei nur ein Metzger im Urlaub. Milliardäre aus Chicago, Ölmogule aus dem mittleren Osten und reiche Erbinnen wie Christina Onassis besuchen das Hotel. Und skurrile Wünsche an den Room Service, wie dem Schoßhündchen um Punkt 19 Uhr eine Geflügelbrust mit exakt fünf Bohnen zu servieren, gehören zum Tagesgeschäft. Überliefert ist auch, dass sich ein Gigolo den dicken 20-Karäter seiner Gönnerin einverleibte – leider ist das Schmuckstück sehr schwer verdaulich und zerreißt ihm fast die Magenwände. Der Diebstahl des Jünglings fliegt auf, Madame bekommt ihren Ring zurück – und verzeiht.

Die Suite ist nicht fertig, als seine Hoheit Fürst Rainer III. von Monaco weit früher als angemeldet eintrifft, und George Bush wird auf der Straße von Demonstranten beschimpft. Worauf er professionell- lächelnd antwortet: „Danke für euren Empfang!“ Danach hält er vor geladenem Publikum einen humorvollen Vortrag und erhält beim Dinner im Pavillon Restaurant standing ovations.

Kontinuität hat einen hohen Stellenwert in der Schweiz. Ganz besonders in diesem Grandhotel. Nach einem halben Jahrhundert "Rey’anischer Hoteldirektion", die ersten 30 Jahre unter der Leitung des Vaters, Georges Rey, einem Großneffen des legendären César Ritz, dann unter Michel Rey, übernimmt 2013 ein Deutscher die Leitung des operativen Tagesgeschäfts im Baur au Lac: Wilhelm Luxem. Er hat die letzten acht Jahre zuvor erfolgreich das Kölner Schwesterhotel Excelsior Ernst geleitet, das heute im Familienbesitz von Andrea Krachts Cousins ist.

Im Baur au Lac kommt über die Hälfte der Übernachtungen von Stammgästen, denen ihr Acht-Stunden-Schlaf im Haus durchschnittlich 980 Franken wert ist. „Treue und Wertschätzung erwachsen aus der Qualität des Hauses, der persönlichen Dienstleistung und nicht zuletzt auf Grund der verlässlichen Diskretion aller Mitarbeiter“, fasst Luxem die Kernpunkte zusammen, die diese finanzielle Bereitschaft hervorrufen. Stammgäste wollen Stammmitarbeiterhaben. 50 der rund 250 Angestellten im Baur au Lac sind länger als zehn und manche wie Hans Stricker mehr als 40 Jahre im Dienst.

Fragt man Wilhelm Luxem nach dem Unterschied zwischen deutscher Lebensart und der von Schweizern, erzählt er eine kleine Geschichte. Sie handelt vom morgendlichen Besuch beim Bäcker: „Der Schweizer betritt das Geschäft, stellt sich hinten an und wartet geduldig, bis er an der Reihe ist. Wenn es dann soweit ist, wendet sich die Verkäuferin ihm ganz zu. Fragt freundlich: ‚Grüezi, was darf es für Sie sein?“. Und hier in der Schweiz antwortet der Kunde daraufhin ebenfalls mit einem Gruß und sagt dann, was er gern hätte. Die Verkäuferin packt daraufhin alles achtsam in die Tüte, selbst wenn es nur ein einziges Brötchen ist, tut sie es sorgsam. Äußert der Kunde keine weiteren Wünsche, fragt sie nach, ob sie noch etwas tun könne. Und wenn der Kunde bezahlt hat, verabschiedet man sich freundlich voneinander. Dann ist der nächste Kunde an der Reihe und wird genauso aufmerksam bedient.“ Im selben Moment taucht das typisch deutsche Bild vor dem inneren Augen auf: Ein Kunde, der das Grüßen verlernt hat, sich gern schon mal vordrängelt und knapp seine Bestellung "Zwei Mehrkorn und ein Normales" herausbellt. Keine Freundlichkeit, kein ,bitte‘ oder ,danke‘ – kein Lächeln, keine Achtsamkeit. Luxem lächelt. In der Schweiz, sagt er, seien die Menschen sehr rücksichtsvoll. Auch im Straßenverkehr. Man nehme sich Zeit, höre zu und sei trotzdem – oder vielleicht gerade deshalb – sehr effizient.

Wilhelm Luxem begegnet man morgens, mittags und abends im Hotel. In der Halle, im Restaurant oder auf der Etage. Ein Gastgeber, der die Nähe seiner Gäste sucht. Der begrüßt, verabschiedet, zuhört und Kontakte pflegt – und dem der Besitzer, wie Andrea Kracht selbst sagt, „nie in seine Welt hineinfunken würde“. Beide, Luxem und Kracht, haben das Hotelgewerbe von der Pike auf gelernt. Luxem musste als Koch Berge von Gemüse tournieren, und Kracht hat in seiner Rundum-Ausbildung als Hotelfachmann viel Geschirr gespült und ein halbes Jahr lang Betten bezogen. Beste Voraussetzungen, die Arbeit der Mitarbeiter wertzuschätzen. Wir haben viele von ihnen befragt und selten so durchgängig positive, emotional aufgeladene, fast liebevolle Antworten über einen Arbeitgeber bekommen wie hier: „Ein echter Familienbetrieb“, „Wir sind eine große Familie“, „Wir müssen nicht, wir wollen“ – „Ich bin angekommen“, sagt Nicole Pester. Sie ist Chef de rang im Pavillon. Mehrsprachig, höflich mit perfekten Umgangsformen. Sie ist aufmerksam und kommunikativ, versteht Gast-Signale und geht gekonnt mit Nähe und Distanz um. Nach ihrer Ausbildung in Usedom war sie ein Jahr im Berliner Adlon, danach vier Jahre auf Kreuzfahrt. Sie könnte Restaurantleiterin in jedem anderen Sternerestaurant sein. Doch sie will im Baur au Lac sein und noch lange bleiben – genauso wie ihr Chef, Hoteldirektor Wilhelm Luxem.

© STERNKLASSE-Magazin 2015