Vivre im Hotel l’Arrivée – Dortmund

Zwischen himmelhoch jauchzend „Top Hotel mit sehr gutem Service, 5 von 5 Punkten“ über „Gut mit einigen seltsamen Einschränkungen“ bis zum Dolchstoß „unfassbar inkompetent“ schwanken die Kommentare und Bewertungen über das l’Arrivee in den einschlägigen Hotelportalen. Hätte ich den Versuch gewagt, es zu besuchen? Nun, wenn es mir nicht verlässliche Freunde aus eigener Erfahrung empfohlen hätten, wohl nicht. Auf die persönliche Empfehlung vertrauend machen wir uns freudig auf den Weg nach Dortmund. Nur 45 Minuten wird die Anreise dauern. Obwohl wir zwei Nächte planen, haben wir vorsichtshalber erst einmal nur eine Nacht gebucht. Die Hotelauslastung wird am Wochenende in der aktuellen Fußball-Bundesliga-Pause schon nicht so rasant zulegen, dass alle Zimmer am nächsten Abend ausgebucht sein werden.

Tiefenentspannt fahren wir über die Landstraße durch den Dortmunder Süden dem L’Arrivee entgegen, vorbei an Wiesen, Feldern und viel Wald. Das Ruhrgebiet ist viel grüner als Fremde glauben. Die Leere auf dem großen Parkplatz beweist, was wir vermutet haben.

„Wir freuen uns sehr, heute hier zu sein und Ihr schönes Haus endlich kennenzulernen. Ihr Wellnessbereich soll phantastisch sein, und Ihre Küche auch“, strahlen wir die Empfangsdame an. Genau das bewegt uns, aber wir wissen auch, dass wir die Atmosphäre mit unserer Begrüßung positiv aufladen. Unseretwegen! Denn unser Wellness Wochenende soll mit einem freundlichen Willkommen und einem entspannten Check-in beginnen.

„Das sollte doch wohl in einem 4-Sterne-Hotel selbstverständlich sein“, werden Sie nun beim Lesen dieser Zeilen vermutlich denken – und meist, aber nicht immer, ist es auch so. Empfangsmitarbeiter sind einem zunehmend hohen, emotionalen Druck ausgesetzt, denn nicht alle Gäste begegnen ihnen von Natur aus höflich und entgegenkommend.

Wir erleben es hautnah beim Checkout. Darüber hinaus wird, außerhalb der 5-Sterne-Plus-Hotellerie, die Rezeption häufig personell unterbesetzt geführt, was zu einer permanenten Überlastung der Mitarbeiter führen kann. Einerseits, weil es immer schwieriger wird, Fachpersonal zu finden, das bereit ist, im Schichtdienst und an den Wochenenden zu arbeiten.

Andererseits auch, weil die Hotels im Wettbewerb oft nicht mehr die benötigten Zimmerpreise erzielen, um die Mitarbeiter leistungsgerecht bezahlen zu können. „Das ist doch nicht mein Problem“, werden Sie als Gast möglicherweise jetzt denken – und da widersprechen wir auch nicht. Zurück zur Begrüßung. Wir alle wissen aus Erfahrung: Wenn wir sympathisch in den Wald hineinrufen, schallt es doppelt freundlich heraus. Und genau so mögen wir es am liebsten!

Punkt 19.30 Uhr, wie reserviert, öffnen wir die Tür vom Hotelbereich zum Restaurant. Direkt links von uns liegt die Bar. Sie ist einsam und verlassen. Keine Menschenseele zu sehen. Kein Mitarbeiter, keine Gäste. Wir gehen weiter vor, rechts an der Außeneingangstür vorbei, Richtung Restaurantbereich. Ein Service-Mitarbeiter kommt uns jetzt entgegen. Wir grüßen zuerst und nennen gleichzeitig den Namen, auf den unser Tisch reserviert ist. Benjamin Brenner begrüßt uns freundlich. Einem „Herzlich willkommen. Schön, dass Sie da sind“, könnte er jetzt wunderbar seine persönliche Vorstellung folgen lassen: „Ich bin Benjamin Benner.“

Wir erfragen seinen Namen und den seiner Kollegin, Jenny Heinrich, später. Die beiden machen an diesem Abend einen ganz famosen Job. Der Profi erkennt das, aber dem normalen Gast wird das nicht reichen. Benner zeigt auf zwei Tische und fragt: „Wo würden Sie lieber Platz nehmen?“ Dass wir aussuchen können, gefällt uns. Bei der Reservierung hatten wir darauf hingewiesen, dass einer von uns beiden Vegetarier ist. Wir wiederholen es, als Benner uns die Speisekarte reicht. Die Information kommt allerdings nicht richtig an, wie sich später beim Servieren des Amuse Gueules mit Auster herausstellt.

Zehn Zweier-, ein Vierer- und ein Fünfer-Tisch wollen heute Abend bedient werden – und Jenny Heinrich und Benjamin Benner sind nur zu zweit im Service und bedienen dazu auch das Getränke-Buffet. Denoch versuchen sie, das Restaurant zu rocken. Als stiller Beobachter kann man nur den Hut ziehen, wie sie umsichtig, konzentriert und zielstrebig agieren. Flott, ohne Hektik, dabei fröhlich und gute Laune verbreitend. Dass wir uns den Wein zwischendurch selbst nachschenken, bemerkt Jenny Heinrich natürlich.

Und es wurmt sie. "Das hätte ich so gern selbst gemacht, aber ich war heute einfach nicht schnell genug“, spricht sie uns lächelnd darauf an. Tapfer macht sie das Beste aus der Situation. Natürlich wissen wir alle drei, so sollte es nicht sein. Die Zeit, Gästen den Wein nachzuschenken, muss ein solches Restaurant haben. Wenn das Management nicht reagiert, wird es nicht nur Gäste, sondern auch diese beiden hervorragenden Service-Mitarbeiter verlieren.

Wittbräucker Str. 565
44267 Dortmund
www.hotel-larrivee-dortmund.de
Telefon: 0211 617 99 88

Küchenchef: Johannes Teuber

© STERNKLASSE-Magazin 2015