Restaurant Latour – Noordwijk

Nordrhein-Westfalen zieht es mehr und mehr zum kulinarischen Kurzurlaub nach Holland. Nicht nur ans Meer, das in zwei Stündchen erreichbar ist. Auch in die kleineren Orte direkt hinter der Grenze, wo man sehr gute Restaurants – mit und ohne Stern – finden kann. Vielleicht auch, weil die Holländer den Ruf haben, so herzlich und unkompliziert zu sein. Und vielleicht auch, weil der Deutsche nicht widerstehen kann, wenn es sehr, sehr preiswert ist. Und das sind die holländischen Restaurants.

Ein super sonniges Wochenende ist angesagt; 25 Grad soll es werden – und das mitten im Oktober! Also beschließen wir, zwei Tage vor der Abfahrt ganz spontan doch ans Meer zu fahren. Um dort das an sich recht lang geplante Wochenende, Freitag bis Sonntag, in Nordwijk zu verbringen. Die Buchungsportale zeigen jede Menge verfügbarer 4- und 5-Sterne-Hotels in dem beliebten Ferienörtchen an. Alle mit Zwischensaisonpreisen zwischen 100 und 165 Euro für ein Doppelzimmer.

Preise, die zu spontanen Ausflügen animieren. Wir verschaffen uns einen Überblick und buchen dann direkt in dem favorisierten Hotel. Für den Service des Überblicks würden wir gern freiwillig einen Obolus an die Portale entrichten. Doch diese Option besteht nicht. Und da wir als Insider wissen, dass Portale im Verhältnis zur Leistung eine viel zu hohe Gebühr für ihre Vermittlung verlangen, nämlich zwischen 15 und 20 Prozent vom Umsatz, bleibt uns nur, diesen Service kostenlos in Anspruch zu nehmen.

Der Tisch im Latour, dem Sternerestaurant im Grand Hotel Huis ter Duin, ist nicht ganz so schnell reserviert. „Nein, am Samstagabend sind alle Tische vergeben“, antwortet die freundliche Stimme in deutscher Sprache auf meine Anfrage. „Alle?“, frage ich vorsichtshalber noch einmal nach. „Ja. Wir haben auch schon eine Warteliste“, nimmt sie meine nächste Frage vorweg. Nun gut. Zweiter Anlauf: „Und wie ist es am Freitagabend?“ Da passe es gut, erfahre ich. „Dann kommen wir um 19.30 Uhr“, lasse ich den Tisch für zwei Personen reservieren. „Meine Freundin ist Vegetarierin, sie isst keinen Fisch und kein Fleisch, kein Paprika und keine Auberginen“, ergänze ich noch, und weiß, dass ich wieder irgendetwas vergessen habe. Was war es noch? Egal.

„Wir freuen uns schon sehr auf das Essen bei Ihnen“, schließe ich das Gespräch. Und genau so ist es auch. Niemals würde ich ohne diese Vorfreude ein besonders gutes Restaurant besuchen, über das ich einen Testbericht schreiben will. Diese Voraussetzung ist eine Grundvoraussetzung, ebenso wichtig wie das Restaurant anonym zu besuchen, als normaler Gast zu kommen und am Ende seine Rechnung zu bezahlen. Im Laufe der letzten dreißig Jahre habe ich die unterschiedlichsten Tester kennengelernt. Hochprofessionelle und unprofessionelle.

Auch solche, die sich mit wirklich schlechter Laune an einen gedeckten Tisch setzen. Ausnahmen, gewiss – doch auch die schreiben einen "Bericht", der dann lange nachzulesen ist im Restaurantführer. Auch wer gestresst oder erkältet ist, wer Bauchweh oder den Kopf nicht frei hat, kann nicht sauber urteilen und sollte als Tester besser daheim bleiben.

Wir treffen pünktlich um 19.30 Uhr im Hotel ein, gehen die Stufen zur ersten Etage hoch und werden am Restauranteingang freundlich vom Maître begrüßt, der uns zu einem Tisch am Fenster führt. Wir bekommen gerade noch den Rest der Blauen Stunde mit. Im Sommer, wenn es lange hell ist, muss die Aussicht aufs Meer herrlich sein.

Wir freuen uns über den Fensterplatz, gehören aber grundsätzlich zur Kategorie der Gäste, die wegen des Essens kommen und nicht wegen der Aussicht. Keinen Tisch in dem Restaurant seiner Wahl zu bekommen, das ist schlecht. Lieber den letzten Tisch im Wunschrestaurant, als den besten in einem Restaurant der zweiten Wahl. Diese Haltung ähnelt der Sichtweise auf das halbvolle und das halbleere Glas.

Harlekine, wohin das Auge blickt. Großformatige, farbenfrohe Gemälde. Sie sind alle von einem Künstler und das Steckenpferd der Hotelbesitzerin, wie wir später erfahren. Doch jetzt rollt zur Einstimmung auf den Abend erst einmal der Aperitifwagen vor. Klingt nach Floskel, ist aber ein Aha-Erlebnis! Neun halbe Flaschen auf Eis liegen vor uns. Von Moët & Chandon Brut Imperial bis Krug.

Wie ein Schaufenster, dessen Auslagen geschaffen sind, die Lust zu wecken. Wie der Fisch, den der Koch ins Restaurant trägt, um ihn stolz vorzuzeigen, bevor er ihn zubereitet. Die Idee, halbe Flaschen auf diese Art sichtbar zu offerieren, begeistert uns sofort. Gewöhnlich stehen sie in irgendeinem dunklen Winkel. Sowohl auf der Weinkarte als auch im Keller. Dabei setzt das Öffnen einer Flasche Champagner ganz eigene Vorzeichen für den Abend. Erhöht die eigene Wertschätzung. Und ganz ehrlich: ein einziges Glas (100 ml) ist immer zu wenig. Aber warum nur sehen wir einen solchen Aperitifwagen heute zum ersten Mal? Ich mache mir gleich eine Notiz, die Idee an Champagnerhäuser weiterzugeben. Wir wählen und stellen fest, dass auch die anderen 2er-Tische wie wir zugreifen und sich eine halbe Flasche am Tisch öffnen lassen.

Belegt werden heute nur fünf Tische. Ziemlich unverständlich, denn draußen am Strand sind die Buden rappelvoll. Dort einen Tisch zu bekommen, ist ohne Reservierung zwecklos. Billig ist es dort nicht; vergleicht man Preis und Qualität, sind die Buden völlig überteuert, und eigentlich müssten die Menschen hier vor dem Latour Schlange stehen.

Kaum ist der Aperitif im Glas wird das erste Amuse-Gueule eingesetzt. Wie zuvorkommend. Nicht das Amuse- Gueule an sich, sondern, dass die Küche etwas Vegetarisches für uns beide vorbereitet hat. „Karotte, Ingwer, rote Zwiebel“, annonciert die junge Dame, und meine Begleiterin macht nun auf sich aufmerksam, dass sie diejenige sei, die auch bei den weiteren Gängen auf Fleisch und Fisch verzichten würde. „Dann haben Sie meine Frage beantwortet, ohne dass ich sie stellen muss“, lächelt die junge Dame – ein solches Zusammenspiel zwischen Gast und Gastgeber lockert die Atmosphäre.

Was folgt: eine Speisenfolge, die die Vegetarierin am Tisch glücklich macht. So wie mich übrigens auch das "normale" Menü. Hochwertige Produkte, kreativ zubereitet, jeder Gang ein Erlebnis. Auf beiden Tischseiten. Das Service-Tempo entspricht unserer inneren Uhr. Nicht zu schnell und nicht zu langsam. Empfindet man das Tempo als zu schnell kann – und sollte man – um längere Pausen zwischen den Gängen bitten. Dieser Wunsch wird immer erfüllt. Zu langsam, das zeigt die Erfahrung, ist gewöhnlich ein Zeichen für Überforderung. Ein Hinweis auf zu wenige Mitarbeiter. Schneller zu servieren ist ein Wunsch, der sich selten erfüllbar zeigt.

Angerichtet wird im Latour (das, wie vermutet, eine beeindruckende Auswahl an Jahrgängen vom berühmten Bordeaux Château Latour auf der Weinkarte ausweist) auf unterschiedlichen Geschirrteilen, jeweils passend zu den Gerichten ausgewählt. Einziger Fauxpas und kein Zeichen besonderer Sorgfalt ist, dass unter einem Teller halbabgerissen noch Teile vom Etikett kleben, und das hat offensichtlich schon mehrere Spülgänge hinter sich. So etwas darf in einem Spitzenrestaurant nicht sein, zeigt aber als Beispiel sehr gut, wie schmal die Grenze zwischen Lockerheit und Nachlässigkeit sein kann.

Locker und nicht nachlässig agieren alle drei im Service. Eingesetzt wird meist zu zweit, wobei nur ein Mitarbeiter am Tisch bleibt, um konzentriert die Speisen anzusagen und dann auch Getränke nachzugießen. Mini-Prozessionen, also diese kleinen, albernen Aufmärsche, wo mehrere Service-Mitarbeiter mit leeren Händen an den Tisch gehen, um auszuheben, die finden hier nicht statt.

Unser Fazit: Das Restaurant Latour ist einen kulinarischen Wochenendausflug wert. Besonders außerhalb der Hochsaison (viele Kongresse!), wo man auch leichter ein schönes Zimmer bekommt. Wir kommen wieder!

im Grandhotel Huis ter Duin
Koningin Astrid Boulevard 5

NL – 2202 BK Noordwijk
www.restaurantlatour.nl (Hotel: www.huisterduin.nl)
Telefon: 0031 71 361 92

© STERNKLASSE-Magazin 2014