Leserbrief – Gästebeschwerde

"Letzten Samstag wollten wir den Geburtstag meiner Mutter in einem 2 Sterne-Restaurant feiern. Mein Bruder hatte sein Kommen am Nachmittag leider absagen müssen, sodass wir am Abend nur zu fünft waren, statt wie geplant zu sechst. Gleich an der Tür wurden wir derart vorwurfsvoll angesprochen, weil wir die Änderung nicht angekündigt hatten, dass es uns den ganzen Abend verdorben hat."

Vielen Dank, dass Sie uns Ihr Erlebnis mitgeteilt haben! Ihre Geschichte zeigt sehr schön die Beziehungsaufgaben, die Gastgeber und Gäste in einer Gastfreundschaft haben. Und hier auch über die Art der Übermittlung nachzudenken, sodass sie nicht vorwurfsvoll klingt. Sie und Ihre Mutter waren über die Nachricht des Fernbleibens verständlicherweise traurig. Aber was wäre gewesen, wenn Ihr Bruder spontan einen Überraschungsgast angekündigt hätte? Was hätten Sie in dem Fall gemacht? Ein Tisch für sechs Personen reicht zwar immer auch für fünf, aber nicht immer für sieben Personen. 2-Sterne-Restaurants haben nur sehr wenige Tische und in der Regel nicht mehr als 20 bis 40 Plätze. Freitags und samstags ist es für sie überlebenswichtig, wenn die Nachfrage höher als das Angebot ist, die Plätze bestens auszulasten. Für Ihren 6er Tisch musste möglicherweise ein anderer Tisch entfallen, während ein 5er-Tisch einen weiteren 2er- oder 3er-Tisch zugelassen hätte.

Damit der Tisch passend eingedeckt ist, aus Rücksicht auf Ihre Gäste wie auch auf die an Nachbartischen, sollte eine Personenänderung immer vor dem Eintreffen dem Restaurant mitgeteilt werden. Ihr Nicht-Anruf hat dem Restaurant vermutlich ein zusätzliches Minus von fünf oder gar zehn Prozent vom Umsatz beschert. Wenn wir uns nun vorstellen, Ihr Tisch war nicht der einzige, der an diesem Abend mit weniger Gästen als angemeldet kam, und im Laufe des Monats waren es vielleicht schon sechs oder acht oder noch mehr Tische, dann versteht man den Unmut des Gastronomen. Er müsste seinen Gästen eigentlich ganz deutlich sagen: Solche Umsatzverluste können nicht aufgefangen werden, sie gefährden das Unternehmen. Weil es keine passende Gelegenheit dafür gibt, wird es nicht getan. Sie haben den Schaden nicht gesehen und die Auswirkungen nicht geahnt. Das zeigt die Notwendigkeit, dass Wirte das Zusammenwirken von Wirtschaftlichkeit, Fairness und Gastfreundschaft hervorheben müssen – und sich dafür auch die Gelegenheiten schaffen müssen. Hotels schützen sich längst mit No-Show- Rechnungen vor derartigen Umsatzverlusten. Ein bestelltes Hotelzimmer muss bezahlt werden, egal, ob der Besteller anreist oder nicht. Restaurants werden vermutlich ebenfalls bald gemeinschaftlich dazu übergehen. Auf Sylt, wo die Ausfallquote besonders hoch war, ist diese mit dem Einführen einer Ausfallgebühr um 95 Prozent zurückgegangen.

STERNKLASSE 2015