Hotel Villa La Massa – einen Steinwurf entfernt von Florenz

Wer nicht fragt, erfährt manche Dinge sein ganzes Leben lang nicht. Jede Nation hat ihre eigenen Gepflogenheiten. Die in Luxushotels erschließen sich dem Fremden nicht immer auf Anhieb. Wie beispielsweise diese: Visitenkarten, die in italienischen Hotels zur Begrüßung auf dem Zimmer der Obstschale beigefügt sind, wirken oft „gebraucht“. Ein Strich zieht sich durch den Namen. Wissen Sie, was das bedeutet? Und wenn nicht, würden Sie ineinem 5-Sterne-Hotel den Hoteldirektor danach fragen und sich damit als „Außenseiter“ zu erkennen geben?  

„Can I do anything for you?“ Die Frage ist berechtigt. Es ist gerade 11 Uhr, als wir uns in den einladenden Stühlen am Pool niederlassen, was zwei Minuten später Angelo zu uns führt. Zu früh zum Einchecken und ebenso zum Mittagessen. Gefrühstückt haben wir schon und nach einem weiteren Kaffee steht uns momentan nicht der Sinn.

„Wir sind gerade erst angekommen und müssen noch einchecken. Zuvor wollen wir einfach ein bisschen La-Massa-Luft einatmen“, antworte ich dem Kellner lächelnd und mit strahlendem Blick. „Oh, fine“, antwortet er. „Welcome. I am Angelo. If you need something, let me know.“ Das klingt so aufrichtig, wie es gemeint ist. Keine Höflichkeitsfloskel, keine Übertreibung – schlicht und einfach sagt er „Herzlich willkommen“, ganz so wie man Freunde von Freunden, die man noch nicht kennt, bei sich zu Hause begrüßen würde. Wir sind angekommen. Es war eine gute Idee, so früh loszufahren.

Was für ein unbeschreiblicher Genuss ist es, hier zu atmen, zu schauen und zu schweigen. Kantsteine umrahmen das Grün der sorgfältig gestutzten Rasenflächen wie ein Gemälde. An den unterschiedlichsten Plätzen stehen Pärchen von Sonnenliegen, mal im Schatten der Zypressen, mal in der Sonne. Sorgfältig arrangiert liegen am Eingang zum Haus mehr als zwanzig internationale Tageszeitungen und Magazine aus.

Aber außer uns und Angelo ist zu dieser Uhrzeit niemand am Pool zu sehen, – man frühstückt oder ist längst unterwegs in Florenz. Übergroße Terrakottatöpfe, üppig bepflanzt mit knospenden Blumen, werden in der Weite der Natur zu Tupfern. Unvorstellbar, dass eine der schönsten Städte der Welt, Florenz, nur acht Kilometer von dieser Idylle entfernt ist. Der weiße Hotelbus tourt regelmäßig ins Zentrum und zurück.

Dem Charme dieser hügeligen Landschaft verfallen Menschen seit Jahrhunderten. Auch die Nichtromantiker. Und jedermann fühlt wohl, was keiner so treffend wie Goethe auszudrücken vermochte: „Kennst du das Land, wo die Zitronen blühn, im dunklen Laub der Goldorangen glühn, ein sanfter Wind vom blauen Himmel weht, die Myrthe still und hoch der Lorbeer steht, kennst du es wohl? Dahin! Dahin möcht ich mit dir, oh mein Geliebter ziehn!“

Inmitten dieses Naturschauspiels von scheinbar unendlicher Ausdehnung ruht die Villa La Massa wie ein schöner Schmetterling auf einem Grashalm. Ihr Auftritt erinnert an Gräfin von Grantham aus der britischen Fernsehserie Downtown Abbey. Eine britische Aristokratin mit tadelloser Haltung, immer sorgfältig frisiert, dezent geschminkt und vornehm gekleidet. Eine Lady der Gesellschaft, der alles Laute, Vordergründige und Künstliche fremd ist, die sich aber die eigene Befremdung niemals anmerken lassen würde, wenn ihr solches oder anderes schlechtes Benehmen begegnet.

Anwenderfreundlich ist die technische Ausstattung der Hotelzimmer und so wie das gesamte Interieur bewusst unter dem Aspekt „größtmögliche Entspannung“ ausgewählt. Kostbar sind die Möbel und Lampen. Der Kofferbock ist nicht nur schön anzusehen, er ist auch standfest und hat Seltenheit! – eine bequeme Höhe.

Natürlich sind die Materialien, hochwertig die exklusiven Stoffen. Die handverlesenen, eleganten Komponenten fügen sich wie selbstverständlich zusammen und machen die Villa La Massa zu einem Zuhause auf Zeit. Das ist das Ziel, das Hoteldirektor Giancarlo Rizzi auch mit seinen Mitarbeitern anstrebt: „Everybody is looking for a human touch.“ Und es gelingt ihnen, wie man es nur ganz selten unterwegs in einem Hotel erleben kann – und was andererseits ein Hotel mit 200 Zimmern aufgrund seiner Größe en detail nicht zu leisten vermag.

Das Einfache wird einfach belassen. „Kalt“ und „warm“ sind leicht unterscheidbar bei den Wasserhähnen zum Drehen. Darunter ein Thermostat, der, wie auch die Lichtschalter überall, kinderleicht zu bedienen ist – an beidem sind wir anderswo schon oft verzweifelt. Das WLAN ist kostenlos in den 37 Hotelzimmern verfügbar, und bereits am zweiten Tag spricht einen jeder Mitarbeiter mit Namen an. Der Service weiß, wie man seinen Kaffee am Morgen und seinen Aperitif am Abend mag. Bevor sie uns allein lässt, erkundigt sich die Dame, die uns gerade zum Zimmer begleitet und auf dem Weg mit den Gepflogenheiten des Hauses vertraut gemacht hat, welche Tageszeitung wir morgens bevorzugen. Sie wünscht uns einen schönen Aufenthalt und bittet darum, dass wir es sie oder ihre Kollegen wissen lassen sollen, wenn wir einen Wunsch haben. Dies ist ein aufrichtiges Anliegen und kein höfliches Lippenbekenntnis, wie sich eine Stunde später bereits am Pool zeigt, wohin uns die Süddeutsche Zeitung noch vor dem Mittagessen gebracht wird. Wow. Ist Ihnen schon Ähnliches irgendwo passiert?

Englisch, Französisch, Spanisch und Deutsch sind geläufige Sprachen im Haus. Nach Florenz und damit in die Villa La Massa zieht es Besucher aus der ganzen Welt mit völlig unterschiedlichen Eigenarten,Gewohnheiten und Temperamenten. Darauf sind die Gastgeber eingestellt. Als abends nach dem Dinner auf der Terrasse ein Amerikaner am Nachbartisch den Kellner anherrscht (Bitten, klingt anders), er möge ihm den von der Direktion zur Begrüßung bereitgestellten Champagner und die Erdbeeren holen, muss ich innerlich schlucken. So etwas macht man nicht. Nirgends auf der Welt, auch nicht in den USA; ebenso wenig wie man Wein von zu Hause ins Restaurant trägt. Kurz darauf serviert Signore Carmine das Gewünschte mit souveräner Gleichmütigkeit – und verzieht keine Miene, als der Amerikaner Nachbargäste zum Mittrinken einlädt und weitere Gläser bestellt. Zurück zum Strich auf der Visitenkarte im Hotelzimmer. Giancarlo Rizzi danach im Vertrauen gefragt, gibt Auskunft: „Der Strich zeigt an, die Karte ging durch meine Hand, das macht die Geste persönlich.“

© STERNKLASSE-Magazin 2014