Cognac & Co.

Hennessy ist unter den Cognac-Produzenten, was der FC Bayern München in der Bundesliga ist: die unangefochtene Nummer eins. Nur Hennessys Abstand zur Nummer zwei ist noch ein Stückchen größer. Vor genau 250 Jahren quittiert 1765 ein irischer Offizier namens Richard Hennessy in den irischen Regimentern Ludwigs XV. seinen Dienst und lässt sich kurz darauf in der Kleinstadt Cognac nieder, um ein Handelsunternehmen für Spirituosen zu gründen. Sein Name wird später weltweit bekannt für exzellenten Cognac und unvergleichlichen Genuss. Mit unermüdlichem Fleiß und mit Hilfe seiner irischen Wurzeln baut Richard Hennessy den Warenverkehr nach England auf, wo sich der französische Cognac schon bald großer Beliebtheit erfreut. Als sein Sohn James nach dem Tod des Vaters die Nachfolge antritt, will der nicht nur mit Cognac handeln, James will ihn auch selbst herstellen. Und so geschieht es.

30 Jahre nach der Firmengründung verschifft James den ersten selbst gebrannten Cognac nach Nordamerika. Die Einführung der Marke Hennessy in Übersee wird zum wichtigen Meilenstein für das Unternehmen. Ein paar Jahrzehnte später geht es in den Fernen Osten. 1859 ist es soweit – und wieder ist Hennessy Vorreiter, der Cognac nach China und wenige Jahre später nach Japan bringt. Die Märkte verändern sich. Der weitsichtige Unternehmer Kilian Hennessy verbindet in der fünften Generation das Familienunternehmen 1971 mit dem Champagnerhaus Moët et Chandon; 1987 fusionieren Champagner- und Cognac-Haus mit Louis Vuitton und werden Teil des Imperiums von Bernard Arnault. Kilian Hennessy stirbt 2010 im Alter von 103 Jahren. Der weltweite Konzern der Luxusindustrie firmiert bis heute unter LVMH – und ebenfalls bis heute sitzen in dem 250 Jahre alten Hennessy-Unternehmen Mitglieder der Familie in der Geschäftsführung.

Eine von sieben Hennessy-Supernasen ist Olivier Paultes. Er ist Mitglied des Entscheider- Gremiums, das sich täglich um 11 Uhr trifft. Man prüft, probiert, wägt ab und stellt die Weichen für alle Qualitäten. "Mitglied dieser Kommission zu werden, davon träumt jeder Junge, der hier im Cognac Gebiet geboren wurde", lächelt Paultes und gibt im supermodernen Firmen eigenen Klassenraum eine überzeugende Kostprobe seines Spürsinns. Aus den drei Jahrgängen, 1996 (kraftvoll, Pfeffer und Zimt), 1990 (Holztöne, Kräuter, rund) und 1983 (fruchtig) darf sich jeder Schüler seinen perfekten Cognac blenden. Richtig oder falsch kann es dabei nicht geben, denn es geht schließlich ganz um den persönlichen Geschmack. Etwas anders sieht's aus, wenn man, wie Olivier Paultes und seine Kollegen beim Verschneiden für Millionen Flaschen, den Geschmack des internationalen Marktes weit vorausschauend treffen muss. Welches Mischungsverhältnis die Schüler gewählt haben, schmeckt der erfahrene Paultes, der bis vor einigen Jahren Kellermeister bei Cognac Frapin  war, verblüffend souverän heraus.

Wie sich Gigant Hennessy den gegenwärtigen und zukünftigen Herausforderungen des Marktes stellt, offenbart sich vielleicht am besten beim anschließenden Mittagessen in Château de Bagnolet. Das Schloss wurde Anfang des 19. Jahrhunderts als Wohnsitz der Familie (Auguste und Irene Hennessy) gebaut. Zur Begrüßung im wunderschönen Wintergarten mixt Maître Flavien Berlaud (42) einen erfrischenden Cognac Cocktail. Erster Hinweis: Perfektion erreichen durch allerbeste Mitarbeiter. Berlaud hat in verschiedenen 1-, 2- und 3-Sterne-Restaurants gearbeitet, zuletzt als Maître bei Joël Robuchon. Am perfekt eingedeckten Tisch begrüßt er die Journalisten (übrigens alle sind kerngesund, ohne Allergien und frei von Vorbehalten) und stellt sympathisch redegewandt die Speisenfolge vor. Der erste Gang wird serviert nach den Regeln des Französischen Service (Plattenservice, der Gast bedient sich), es folgt der Englische Service zum zweiten Gang (Plattenservice, der Gast wird bedient) und Amerikanischer Service (ein angerichteter Teller wird eingesetzt) zum Dessert. Zweiter Hinweis: Traditionen ehren und bewahren bei gleichzeitiger Aufgeschlossenheit für Neues. Dritter Hinweis: Kommunizieren und bewerben, was man tut. Offen, transparent und verständlich. Vierter Hinweis: Die Bedeutung der Angemessenheit. Zum Essen werden ein hervorragender weißer Burgunder und ein großartiger Bordeaux eingeschenkt. Die Preisklasse ist wertschätzend, aber nicht übertrieben. Fünfter Hinweis: Glaubwürdigkeit. Die eigenen Produkte werden nicht auf Biegen und Brechen forcieren. Sie kommen dort zum Zug, wo es perfekt passt. Zum Aperitif war der Cognac-Cocktail die beste Wahl, als Digestif zum Kaffee wird er es wieder sein. Sechster und vielleicht wichtigster Hinweis: Konsequent sein. Als nach dem Essen die Zeit für den Pressebetreuer im Hintergrund drängt, und dieser zum eiligen Aufbruch mahnen will, verhindert Paultes souverän und von den meisten Anwesenden unbemerkt, jeden Anflug von Unruhe Eine anschauliche Demonstration gegen Halbherzigkeit und für unternehmerisch konsequente Zielverfolgung "Wenn wir uns für etwas entschieden haben, setzen wir uns für einen 100-prozentigen Erfolg ein: vom ersten bis zum letzten Schritt. Nicht bis zum vorletzen."

In der Qualität unschlagbar, urteilen Experten über Frapin. Mit über 300 Hektar Land, davon über 220 mit Reben bepflanzt, besitzt Frapin den größten Weinbergbesitz im Herzen der Grande Champagne. In dem Bereich, der vom französischen Gesetzgeber als bester im Cognac mit „Premier Grand Cru“ klassifiziert ist. Im Todesjahr von Ludwig IX. beginnen die Aufzeichnungen der Familie, die damals im Weinbau aktiv ist. Als die Frapins sich auf das Destillieren spezialisieren, verlagern sie ihren Sitz – bis heute – nach Fontpinot Castle, einem Schloss, das wie gemalt in den Weinbergen vor den Toren des Städtchens Segonzac liegt. So wie Hennessy und Moët & Chandon verbandelt sind, sind es Frapin und Gosset. An der Spitze des Familienunternehmens steht Béatrice Frapin, doch der Besitz gehört ihren Eltern, Genevieve Frapin und Max Cointreau. Der Vater ist einer der drei Cointreau-Brüder, die große Anteile an der Aktiengesellschaft Rémy-Cointreau halten – und so, mit Rémy Martin, gleichzeitig auch Konkurrenz sind.

Die Feder im Frapin-Logo und die Cuvée Rabelais sind eine Hommage an das berühmteste Familienmitglied, einen der wortmächtigsten französischen Prosa-Autoren des 16. Jahrhunderts: FranÇois Rabelais, Sohn von Catherine Frapin. Benediktiner, Humanist, Arzt und Anatom. Frapin ist stark im ökologischen Landbau engagiert. Kellermeister ist Patrice Piveteau. Er übernahm das Amt 2011 von Olivier Paultes, der nach über 20 Jahren zu Hennessy wechselte. Paultes Abschiedsgeschenk an Frapin war die geniale Idee, drei Spitzenjahrgänge zu einem Multi-Vintage- Cognac zu verschneiden. Dafür wählte er die Jahre 1982 + 1983 + 1985 – und erzielte einen Welterfolg. Seine Multimillésime Série No. 1 wurde 2009 in London als „Beste Spirituose der Welt“ ausgezeichnet. „Nie zuvor hatte ein Cognac diese Auszeichnung erreicht“, so Piveteau, der mit der Multimillésieme Série No. 2 als „Best Cognac of the Year“ den Erfolg fortsetzt und Frapin gewohnt bei internationalen Wettbewerben auf vorderste Plätze bringt. In der Kellerei, zwischen den Büros, dem altertümlichen Labor und den Lagerhallen, scheint die Zeit stehengeblieben zu sein. Unter den Eisenbögen, die Gustave Eiffel nach dem Bau des Pariser Wahrzeichens zu seinem Freund in die Provinz schaffen ließ, rostet die Mechanik, Staub und Spinnenweben überziehen Gemäuer und alte Fässer. Limitierte Frapin-Preziosen können im fünfstelligen Bereich kosten. Etwa 4.000 € kostet der Cognac Frapin Cuvée 1888 in der Kristallflasche: Spirale und Stopper sind aus 24-krätigem Gold.

Die Eltern bestimmten, dass der Sohn nicht ins Familienunternehmen einsteigen darf, ohne vorher etwas anderes gesehen und gelernt zu haben. Also studierte Pierre Computerwissenschaft, machte den Abschluss und kam „Ich hab Cognac im Blut“, postwendend heim. Mutter Claudine Dudognon hatte 1989 den Familienbesitz und große Bestände alten Cognacs vom Vater übernommen, 32 Hektar Reben in besten Grande Champagne-Lagen. Als echte Traditionalisten treffen die "Dudognons" Entscheidungen mit dem Glas in der Hand, ohne wissenschaftliche Instrumente – mit traditionellen Methoden. Dass die richtige Temperatur erreicht ist, signalisiert beispielsweise das Herunterfallen einer Blechdose, die an einer Wachs ummantelten Schnur befestigt ist. Wenn das Wachs geschmolzen ist, fällt sie unüberhörbar zu Boden. Vielversprechendes bleibt im Haus, die Restmengen werden an große Cognac-Häuser wie Delamain, Hine oder Rémy Martin verkauft. 500 eigene Hektoliter entstehen jährlich mit Hilfe von zwei, mit Hand betriebenen und mit Holz befeuerten, Alambics. Neben den Destillations-Apparaten ist in den Brennmonaten immer ein Bett für die Nacht aufgebaut.

Pure Natur könnte man die Dudognon-Produktion überschreiben: Auf Additive wie Zucker, biosé (eine Art Eichenextrakt) und Karamell, die alle gesetzlich in bestimmten Mengen erlaubt sind, wird komplett verzichtet. Dudognon ist bei Kennern und in der modernen Bar-Szene, ganz besonders in Kalifornien, sehr geschätzt. Camus ist die Nummer fünf unter den großen Cognac-Häusern. Es ist das einzige, das bis heute zu 100 Prozent in Familienbesitz ist. Jean- Baptiste Camus (1835–1901) gründete es gut 100 Jahre nach Martell und Hennessy. Es war schon 1863, als sich der unabhängige Winzer entschloss, zukünftig den von ihm gebrannten Weinbrand nicht mehr zu verkaufen, sondern selbst zu vermarkten. Seine Söhne Edmond (1859–1933) und Gaston (1865–1945) traten in den 1890er-Jahren in das väterliche Unternehmen ein. Das war zur Zeit der Wende, als der Fassverkauf endete und Cognac in Flaschen verkauft wurde. Camus brachte es bis zum Hoflieferanten der letzten Zarenfamilie. Michel Camus (1911-1985), die dritte Generation, erspürte in den 1960er- Jahren als erster das Potenzial der entstehenden Duty Free-Märkte und eroberte sie. Zwischen 2003 und 2013 verdreifachte Camus seinen Umsatz, nicht zuletzt durch den chinesischen Markt, dessen Bedeutung der 1945 geborene Jean-Paul Camus früh erkannte. Nachdem er 1977 das Firmen-Ruder übernommen hatte, passte er das Marketing mit modernen Bildern den veränderten Konsumgewohnheiten an. 1991 kaufte er große Flächen in allen Gebieten außerhalb der Grande Champagne und Petite Champagne, 180 Hektar besitzt Camus allein im Borderies. Jean-Pauls "Duty Free Märkte" wurden die Kreuzfahrtschiffe. Als Absatzmarkt und für exklusive Kundenbindung. Seit 2004 folgten tausende Luxuspassagiere seiner Idee und Einladung zu einem Landausflug nach Camus, um sich dort in die Kunst des Cognac-Verschneidens einführen zu lassen. Diese „Klasse“ leitet der ehemals langjährige und heute pensionierte Camus-Kellermeister Frédéric Dezauzier. Und ein solcher Kurs ist für 120 €, anders als bei Hennessy, für jeden Interessierten buchbar. So werden Fans gemacht! Und die packen kistenweise die hergestellten Eigenbrände als Souvenirs ein.

 In fünfter Generation leitet heute Cyril Camus (geb. 1971) die Geschäfte. Ein Drittel seiner Zeit verbringt er mit seiner chinesischen Frau in China, ein Drittel in Frankreich und ein Drittel als Camus Botschafter auf Reisen. Es war Cyril Camus, der die verrückt klingende Idee einer Cognac-Serie aus Weinen der Ile de Ré in ein gutes Geschäft verwandelte. Auch war es seine Idee, das hochmodern und lehrreiche Besucherzentrum bauen zu lassen. Unbedingt hingehen!

© STERNKLASSE-Magazin 2015