Gruber’s Restaurant – Köln

Auf die Frage, wo wir uns zum Mittagessen treffen, bekomme ich von meinem Kölner Freund Gregor die schlaue Antwort: „Du, ich kenn‘ da ein Restaurant-Portal namens Sternklasse, wo ich immer nachschaue, wenn ich was Neues suche.“ Ich muss natürlich grinsen. Klar, dass ich dort selbst schon nachgesehen hatte. „Da hab ich mich schlau gemacht“, fährt Gregor fort und schlägt das Gruber’s vor. Wie schön, das wäre auch meine Wahl gewesen.

Gregor reserviert den Tisch für vier Personen und berichtet später, dass seine Reservierung freundlich flott angenommen worden sei. Der Termin sei wiederholt worden, was einem die Sicherheit vermittelt, richtig verstanden worden zu sein. Sein Name und seine Telefonnummer seien notiert worden, und er wäre informiert worden, dass alle Tische schön seien und wir bei schönem Wetter auch auf der Terrasse sitzen können.

Genauso freundlich war die Stimme beim zweiten Anruf einen Tag später, als wir die Uhrzeit änderten. Gruber’s Restaurant ist nicht weit vom Rhein entfernt, nah der Kölner Innenstadt – und mit seinen leuchtend roten Markisen an der langgezogenen, einladenden Fassade nicht zu übersehen. Rechts das Restaurant und links das Zweitrestaurant, die „Österia“ (für den Restaurantbesuch, wenn's schnell gehen muss, oder als gute Location für Veranstaltungen). Das Gebäude-Ensemble signalisiert auf den ersten Blick „Willkommen in Little Austria“.

Die Begrüßung ist freundlich, wir werden in den hinteren, lichteren Teil des Zwei-Raum-Restaurants geführt, wo wir um 12 Uhr nicht die ersten Gäste sind. Hier dürfen wir unseren Tisch auswählen. Wie allgemein üblich entscheiden auch wir uns für einen an der Wand, gegen die mitten im Raum stehenden. Rechts von uns sitzen fünf Herren im dunkelblauen Anzug mit Krawatte – vielleicht Rechtsanwälte? Auch die anderen Tische im Raum werden sich gleich mit etwa zwanzig angenehmen Gästen, gut gekleidet zwischen Casual und Business, füllen. Angenehm, wie ich bemerke, weil sich erstaunlich wie erfreulich niemand lautstark beschwert, keinen Wandtisch zu bekommen. Das erlebt man leider recht häufig. Umso mehr beschäftigt mich das selten friedliche Phänomen.

Das Stimmungsbarometer steigt. Erkennbar an den Gesprächen. Und obwohl die Tische recht eng beieinander stehen, muss sich niemand um ungebetene Zuhörer sorgen. Worte und ihre Bedeutung versinken im dichten Klangteppich, kommen nur in den Ohren an, für die sie bestimmt sind.

Gregor klärt uns am Tisch mithilfe des Karnevals über das friedliche Phänomen und das Kölner Gemüt auf. Dabei spiele das Singen eine wesentliche Rolle. Auch wenn Nichtkölner den Dialekt oft nicht ver stünden und so im Karneval immer ein Stück außen vor blieben, so würden sie doch von den Kölnern einbezogen und zum Mitmachen animiert. Man rückt zusammen, hakt sich untereinander ein, schunkelt und singt zusammen. „Mittendrin, ohne Berührungsängste“ so verstehe ich, ist für den Kölner nicht nur in der fünften Jahreszeit völlig normal. Und mehr gesungen als anderswo würde in Köln eben auch.

Kaum hat man Platz genommen, ist man in jedem Restaurant als Gast gleich gefragt, mehrere Entscheidungen zu treffen. Aperitif: Ja oder Nein? Mineralwasser, und wenn ja, welches und wie temperiert. Je größer die Personenzahl am Tisch, desto länger dauert gewöhnlich die gemeinsame Absprache und Entscheidungsfindung. Der Kellner reicht uns die Karte, ich lasse mir mit Augenkontakt und Nicken kurz von der Runde bestätigen "Keinen Aperitif, lieber ein Glas Wein zum Essen.“ Und so bestelle ich der Einfachheit halber eine große Flasche Mineralwasser mit und eine ohne Kohlensäure. Beim Einschenken stellt sich dann heraus, dass drei am Tisch das stille Wasser bevorzugen.

Und sofort bietet der Kellner, Philipp Schreier, von sich aus an, die große Flasche mit Kohlensäure gegen eine kleine zu tauschen. Bravo! „Möchten Sie auch Brot“, fragt er dann. Alle bestätigen und greifen, als es gebracht ist, beherzt zu.  Bald darauf muss die Schale neu befüllt werden, was dem Kellner nicht entgeht.

Für die Aufnahme der Speisenbestellung muss er heute kaum den Notizblock zücken. Ausnahmslos alle Tische bestellen das Wiener Schnitzel. Meist der überwiegende Teil, wie bei uns am Tisch. Manchmal alle, wie der Fünf Herren-Nachbartisch. Angeboten wird das Wiener Schnitzel in einem 3-Gänge-Mittagsmenü mit Frittatensuppe und Palatschinken oder als Hauptgang. Dann wächst es über sich hinaus. Die Frittatensuppe ist klassisch. Hand gemacht, kräftig und köstlich. Alle Teller sind hübsch angerichtet. Das Wiener Schnitzel kommt als Duo; allein mit einem Stück Zitrone garniert; die Beilagen, Salat wie Kartoffelsalat, werden in kecken Schälchen à part serviert.

Eine heitere Grundstimmung geben dem Raum bunte Bilderdrucke von Hundertwasser an den Wänden. Rote, hochaufgestellte Papierservietten und grüne Wassergläser auf den Tischen. Die Wassergläser sind nicht zu klein und liegen gut in der Hand. Sie nehmen genügend Flüssigkeit auf, die nicht nur ein Nippen erlaubt, sondern auch große Schlucke. Und sie zwingen den Kellner nicht, alle drei Minuten herbeizueilen, um nachzuschauen, ob noch genügend Wasser im Glas ist. Damit reduziert sich der Störfaktor, es entspannt die Gesprächssituation am Tisch und spart dem Service die Zeit für echten Service.

Obwohl nur zwei Kellner im hinteren „Hundertwasser-Raum“ den gesamten Service versehen, ist von Hektik nichts zu spüren. Echte Profis. Der Service „fließt“ – Bestellungen entgegennehmen, Servieren und Abräumen, alles läuft ruhig wie am Schnürchen. Mit Übersicht und spielerischer Dynamik.

Hochsensibilisierte Restaurantgäste setzen sich im Gruber’s doppelt entspannt an den Tisch. Warum? Sie inspizieren nämlich grundsätzlich das stille Örtchen, bevor sie sich an den Tisch setzen – und sie flüchten meist auf der Stelle bei hygienischen Missständen. Hier im Gruber’s ist alles stylisch und picobello. Und wenn Sie dort waren, überlegen Sie vielleicht anschließend wie ich, eine Treppe daheim neu zu streichen. So wie hier – ein echter Hingucker.

Nach zwei Stunden sind wir wieder draußen. Es ist 14 Uhr, die Gäste der benachbarten Österia dürften längst wieder an ihren Schreibtischen sitzen. „Darf ich kurz einen Blick ins Innere werfen?“, frage ich neugierig am Eingang, wobei mich die Kellnerin mit einem Lächeln in den Augen und einer einladenden Geste hereinbittet, um zwei Schritte weiter zu sagen: „Stopp, das dürfte reichen.“ Dabei grinst sie bis zu den Ohren und ihre Augen sprühen Funken. Von der Seite winken mir zwei Köche fröhlich zu, und die Kellnerin ergänzt, bevor ich verdutzt irgendetwas sagen kann: „Na, jetzt müssen Sie aber auch richtig hineinschauen!“

Clever Str. 32
50668 Köln
www.grubersrestaurant.de
Telefon: 0221 7202670

Küchenchef: Ruben Baumgart

© STERNKLASSE-Magazin