Bag in Box – Großartige Erfindung oder igittigitt?

Von SILVIO NITZSCHE

„Muss man über alles reden oder schreiben?“ – Nun, wenn Erkenntnisgewinn gewollt ist – besonders der eigene – lässt es sich wohl nicht vermeiden. Gerade bei meinem Lieblingsthema Wein gibt es un­endlich viele Tabu-Themen. Oft ist das Tabu dem Wein-Status als „Kulturgut“ geschuldet. Allein aus diesem Grund brauchte der Schraubverschluss 15 Jahre Anlaufzeit, bis er endlich akzeptiert war.

Es wäre wohl auch schneller gegangen. Tabuthemen treiben mich um. Das liegt in meiner Natur. Und manchmal stol­pere ich dabei auch schmunzelnd über meinen eigenen Schatten. Ach ja, was halten Sie eigentlich von Bag-in-Box- Weinen?

Das Grundprinzip stammt aus der Anti­ke von den Griechen. Die eigentliche Geburtsstunde der Bag-in-Box (BiB) liegt aber im Jahr 1955. Erfunden hat den Flüssigkeitscontainer der ameri­kanische Chemiker William R. Schol­le. Seine Absicht war es, Flüssigkeiten sicher und platzsparend zu transpor­tieren. Für diesen Zweck füllte er sie zunächst in Beutel aus Folienverbund­material. Diese versah er zusätzlich mit einer Art Ventil, durch das die abgefüll­ten Flüssigkeiten bequem entnommen, also gezapft, werden konnten. Um die noch fragilen Transporttaschen zu sta­bilisieren, ummantelte Scholle sie mit Wellkarton.

Praktisch sind die Behältnisse, die zwi­schen drei und zehn Litern (Gastrono­mie) fassen allemal. Eine Drei-Liter-Box ist wesentlich leichter zu transportieren als vier Flaschen – und auch einfacher zu entsorgen. Wer schleppt schon gern Leergut zum Flaschencontainer? Sechs bis acht Wochen bleibt der Wein fit, der Verschluss – meist ein integrierter Zapf­hahn – sorgt dafür, dass kein Sauerstoff an ihn herankommt. Fast jeder Winzer, mit dem ich gesprochen habe, gibt der Bag-in-Box (BiB) die Gebrauchsnote „sehr gut“ – und sehr, sehr viele wün­schen sich mehr Akzeptanz dafür, um noch bessere Weine in diese Behältnisse abfüllen zu können. Nach Italien, Frank­reich und den USA liegt Deutschland an vierter Stelle, was den Weinkonsum an­geht – nur die Verkaufszahlen von BiB-Weinen kriechen hierzulande vorwärts, während sie in anderen Ländern explo­dieren. Am aufgeschlossensten stehen die Australier dem Karton gegenüber, 70 Prozent der heimischen Weine füllen sie als BiB-Gebinde ab.

„Nur für Billigweine geeignet, kein Wein kann in solchen Containern rei­fen“, konstatiert der deutsche Weinlieb­haber. Gern mit hochgezogener Augen­braue und sachlich durchaus korrekt. Für einen Corton Grand Cru oder einen Château Margaux ist die Box weder ge­eignet noch gedacht. Aber man sollte auch nicht außer Acht lassen, dass 95 Prozent der weltweit produzierten Wei­ne nachweislich innerhalb der ersten 18 Monate nach der Ernte getrunken wer­den. Sie müssen gar nicht nachreifen, sie werden gleich trinkfertig produziert.

„Aber“, so wird der Kenner einwerfen, „es gibt eine Langezeitstudie der Uni­versity of California, die Geschmacks­veränderungen beim Chardonnay in verschiedenen Verpackungen unter­sucht hat. Wein, der in BiB abgefüllt war, wies gegenüber der gleichen Abfüllung in Flaschen eine erhöhte Menge an Es­sig-Aromen auf.“ Auch das ist korrekt; allerdings sollte man nicht vergessen zu erwähnen, dass dieser Langzeit(!)-Ver­such bei einer konstanten – für jeden Weißwein völlig ungeeigneten – Tempe­ratur von 40 Grad Celsius stattfand.

Nüchtern und gegenwartsrealistisch be­trachtet, verbraucht die Drei-Liter-BiB 91 Prozent weniger Verpackungsmate­rial als vier Glasflaschen und verursacht dadurch 79 Prozent weniger CO2-Emis­sion. Auch beim Transport reduziert sie die CO2-Emission um 75 Prozent – das schafft ein gutes Gewissen, aber ist es für den deutschen Konsumenten auch ein Kaufargument? Kommen wir also zum Preis, der unsere Schnäppchen-Na­tion dauernd und tiefgreifend bewegt: Die Ersparnis beim Kauf einer Drei-Li­ter-BiB anstelle von vier Flaschen liegt für den Endverbraucher im Schnitt bei 40 bis 50 Prozent. Wenn sich das nicht durchsetzt …

Mein Fazit: Probieren Sie es aus. Fran­zösische Weine machen es Ihnen leicht. Aber lassen Sie unbedingt die Finger vom Tetra-Pack.

STERNKLASSE 2015