Casse-Croute – Hamburg

Montagmittag. 12.59 Uhr. Der Zug fährt die Station Hamburg Dammtor pünktlich an; doch dafür bekommt man leider vorher keine Garantie. Und so hatte ich nicht im Casse-Croûte reserviert, voller Vertrauen darauf, dass Montagmittag die Chance groß ist. Anders als am Samstagabend.

Unangemeldet komme ich also durch die Tür, ein freundliches Gesicht grüßt im gleichen Moment von der Theke. Schnell ist geklärt, dass ich ohne Begleitung bleibe, und schon sitze ich an einem der blanken Hochtische direkt vor der Theke, nah an der Küche. Erster Eindruck „gemütlich“. Und das, obwohl hinter der Milchglasscheibe sechs oder sieben Köche auf engstem Raum sehr sportlich unter Zeitdruck Speisen produzieren. Koordinator zwischen Küche und Service ist ein gutgelaunter Kapitän hinter der Theke, der die Gerichte passend abruft, Getränke und Gläser entsprechend der Bons bereitstellt und der Kaffeemaschine jede Menge Espresso, Latte und Cappuccino abfordert.

Hochleistungssport bei einem voll besetzten Restaurant wie heute, der höchste Konzentration, Umsichtigkeit und Einfühlungsvermögen erfordert. Dennoch ist der Mann kein bisschen angespannt. Er agiert locker, hat alles souverän im Griff, gibt klare Anweisungen „John von Second Hand ist hier, eine Roulade für John“ ruft er in die Küche und lässt zwischendurch den einen oder anderen humorvollen Spruch an seine Kollegen los, den diese ganz natürlich auf dieselbe Art erwidern und damit die Stimmung mit guter Laune aufheizen. Die überträgt sich automatisch auf die Gäste – und zurück. Oft spürt man das Betriebsklima im ersten Moment beim Betreten eines Restaurants – bei mir ist es jedenfalls so, und ich denke, bei den meisten ist es nicht anders. Die ersten Gäste verabschieden sich, kurz nachdem ich Platz genommen habe. Sie winken zur Theke und rufen „Schönes Wochenende“. „Euch auch! Lasst euch bald wieder sehen!“

Der Gast neben mir grinst. Nett, die guten Wünsche zum Wochenende am Montag. Ich grinse zurück, gleich ist der Kontakt da. „Schon mal was zu lesen“ bekomme ich die Karte übergeben, mit „kleines Geschenk“ die Stäbchen zum Sashimi. „Herr Hag, ich nehme einen Latte Macchiato“, ordert mein Nachbar zur Theke. „Bitte“ ergänzt seine Frau spitzbübisch lächelnd, und Herr Hag grient: „Mit der Tochter klappt das besser.“ Das zweite, überflüssige Gedeck am Tisch wird nebenbei abgeräumt. Bald darauf steht ein Brotkorb mit Schmalz da. Nachdem ich eine entsprechende Geste des Annehmens gemacht habe, reicht Herr Hag mir den gewünschten Weißwein über die Theke. „Vorweg die Rinderbouillon. Danach Sashimi und Bouillabaisse des Nordens als kleine Portion“ bestelle ich und werde erfreulicherweise nicht darauf hingewiesen, zwei Suppen gewählt zu haben. Wer drei Gerichte bestellt, weiß nämlich, was er bestellt. Ob es als Rüge oder als Aufmerksamkeit gedacht ist, ein solcher Hinweis wird immer mit dem belehrenden Unterton serviert „falls Sie es nicht bemerkt haben.“ Belehrungen mag niemand, aber ein Pingpong-Spiel mit Worten, wie es hier gespielt wird, das mögen alle.

Büschstraße 2,
20354 Hamburg
www.casse-croute.de
Telefon: 040 – 34 33 73

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