Badrutt’s Palace Hotel – Sankt Moritz

Den Hoteliers des Badrutt's Palace Hotels gelingt ein Kunststück, das viele gern nachmachen würden: Sie verleihen dem Grandhotel unwiderstehliche Anziehungskraft auf Superreiche. Das gelingt ihnen mittlerweile in der fünften Generation.

Für die Mikroschicht mit maximaler Kaufkraft wurde das Hotel zum zweiten Zuhause. Für manche gar das bessere, das sie aufsuchen, wenn sie urlauben, feiern oder entspannen wollen: das Badrutt's Palace Hotel im Schweizer Nobelort St. Moritz. Aber die Superreichen kommen auch, wenn sie eine Krise durchleben – und das gibt es unter denen, die scheinbar alles haben oder kaufen könnten, ebenso häufig wie unter uns Normalverdienern.

Audrey Hepburn, Pablo Picasso und Andy Warhol waren Stammgäste. Alfred Hitchcock bewohnte 45 Jahre lang dieselbe Suite und auch der britische Premierminister Winston Churchill buchte regelmäßig. In Zeiten, als Künstler und Schauspieler wie die Dietrich oder die Callas noch eine Aura von Halbgöttern umgab, trat Orson Welles bei einem seiner Winterfrische- Aufenthalte, als Weihnachtsmann verkleidet, ganz privat für Badrutt’s Palace-Gäste auf. Herbert von Karajan wurde häufiger als alle Diven seiner Zeit im Palace-Frisörsalon gesichtet. An sein Kopfhaar ließ er nur Franz – dafür legte der termingehetzte Maestro bisweilen sogar Zwischenstopp auf dem Flughafen ein.

Dann eilte Franz zu ihm aufs Rollfeld hinaus. Zu jeder Zeit waren und sind Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens im Haus, doch erstaunlicherweise dringt selten etwas von ihrer Anwesenheit, und zu Lebzeiten nie Persönliches, an die Öffentlichkeit. Im Badrutt's Palace gilt das Gesetz: Was im Palace passiert, das bleibt im Palace. Zum Leidwesen der nach pikanten Storys und Marotten aus der Glamourwelt gierenden Boulevardpresse, ist Diskretion im Badrutt’s eine par excellence gebotene Dienstleistung – und ein gewichtiges Verkaufsargument gegenüber altem und neuem Geld.

Johannes Badrutt haben die Schweizer Alpen den Wintertourismus zu verdanken. Bis zu seiner historisch gewordenen Wette 1864 kommen Gäste nur in den Sommermonaten, im Winter stehen die Betten leer. Das zu ändern, verabschiedet Johannes eine wettfreudige Gruppe englischer Sommergäste erfolgreich damit, dass sie hier, 2.000 Meter über dem Meer in der Engadiner Bergwelt, auch im Winter an vier von fünf Tagen – heute würde man sagen, „im T-Shirt herumlaufen“ – auf Jacke und Pullover verzichten können. Sie sollten es einfach ausprobieren.

Falls sie die von ihm geschilderten Klimaverhältnisse nicht antreffen würden, so würde er die Anreise bezahlen und auch alle sonstigen Kosten tragen. Die Engländer kommen. Und die Wintersaison nimmt ihren Lauf. In kurzer Zeit formt der visionäre Hotelier aus der kleinen Pension namens Faller das Grand Hotel Kulm. 1878 reist er zur Weltausstellung nach Paris und ein Jahr später leuchtet in der Schweiz nicht in einer Fabrik, sondern in seinem Hotel das erste elektrische Licht. Das Anknipsen wird zum unvergessenen Erlebnis für die anwesenden Gäste. Eins von der Palace-Sorte, das den Kindern und Enkelkindern erzählt wird. Johannes' wirkliches Vermächtnis an die nachfolgenden Generationen ist jedoch ein anderes: 1886 kauft er ein – im unteren Drittel ziemlich beschädigtes – Gemälde. Man sagt ihm, es sei von Raffael. Er lässt das Altarbild der Madonna restaurieren und stellt es im Hotel aus. Bis heute sind nur zwei Bilder der Madonna mit dem Jesuskind, Papst Sixtus und der Heiligen Barbara bekannt: Das erste Werk wurde 1512 von Raffael für die Klosterkirche San Sisto in Piacenza, Italien, gemalt und hängt in der Staatlichen Kunstsammlung in Dresden – wo vor zwei Jahren groß der 600. Madonnen-Geburtstag gefeiert wurde. Das zweite Gemälde ist die sogenannte „Assomptione“, die im Badrutt’s Palace Hotel bewundert werden kann.

Johannes hat sieben Kinder, doch sein Lebenswerk wird keines fortführen. Unter ihnen brechen nach seinem Tod heftige Erbstreitigkeiten aus, die in der Verpflichtung eines nicht zur Familie gehörenden, externen Hoteldirektors münden. Die Badrutts werden später Schlüsselpositionen im aufstrebenden Tourismusgebiet belegen, doch Sohn Caspar hat das Hotelier Gen des Vaters geerbt. Seine große Vision ist es, das Hotel aller Hotels zu errichten. Den Königsbau sozusagen. Er erwirbt eine kleine Immobilie über dem St. Moritzersee. Hier soll es entstehen. Und während der Ort mehr und mehr zum mondänen Zentrum des alpinen Wintersports avanciert, lässt er in nur zwei Jahren seinen Traum Wirklichkeit werden. 1896 wird das Badrutt’s Palace Hotel feierlich eröffnet. Im Beisein der Frau des britischen Kronprinzen, der späteren Queen Mary. Was für eine Sensation! Sie markiert auch den Stellenwert des Hauses in der damaligen Zeit. Nur acht Jahre bleiben dem umtriebigen Caspar. Die Madonna soll im Palace hängen; er muss sie haben – und so erwirbt er sie von der Erbengemeinschaft. Die Kaufurkunde des Deals zwischen ihm und den Familienmitgliedern liegt in sicherer Verwahrung.

Nach Caspars Tod übernimmt 1904 sein Sohn, Gründerenkel Hans Badrutt, die Geschäfte. Erfahrung in der internationalen Luxushotellerie wie dem Le Meurice in Paris und dem Savoy in London haben ihn vorbereitet. Gut eingeführt in die internationale Gesellschaft wird Hans die führende Stellung des Palastes ausbauen. 1913 eröffnet er die erste Tennishalle auf europäischem Boden. Eine kostspielige Investition neben den laufenden Krediten. Doch wäre sie kein Problem gewesen, wenn nicht im Jahr darauf der Erste Weltkrieg ausgebrochen wäre. Gäste aus dem Ausland bleiben fern, die Finanzierung bekommt Risse. Aber so klamm die Lage und so klein sein Spielraum nun ist, Hans Badrutt manövriert den Dampfer sicher durch die stürmische See in den Hafen der Goldenen 2oer Jahre. 1928 wird ein Rekordjahr. In St. Moritz finden die ersten Olympischen Winterspiele statt. Hans Badrutt ist einer der Hauptinitiatoren und wird es auch 1948 wieder sein.

Doch kaum ist das Olympische Feuer verloschen, droht das nächste Allzeittief: Die Aktienkurse an der Wall Street fallen ins Bodenlose; unglaubliche Vermögen werden vernichtet. Dem Schwarzen Freitag folgt eine nie dagewesene Weltwirtschaftskrise und Massenarbeitslosigkeit. Doch wie immer: Es gibt nicht nur Verlierer, sondern auch Gewinner. Aga Khan, einer der reichsten Männer der Welt und religiöser Führer von 20 Millionen Ismailiten, feiert 1930 seine Hochzeit im Badrutt’s Palace – das bringt dem Haus einen feinen Umsatz und großartige Publicity. Die Wirkung von Marketing richtig einschätzend, lässt Hans Badrutt erste Promotion-Filme drehen. Zur Verdeutlichung seiner innovativen Handlungsweise sei angemerkt, dass das Fernsehen gerade erst vor fünf Jahren erfunden wurde. Mit diesen Filmen reist Badrutt durch die Welt, gibt kleine Einladungen auf exklusiven Kreuzfahrten und Anlässen wie dem Pferderennen in Ascot, wo er Badrutt’s World einem handverlesenen Publikum vorstellt und damit höchst erfolgreich für sein Haus wirbt.

Der Ausbruch des Zweiten Weltkriegs reißt ein neues Loch auf. Doch wie schon im Ersten Weltkrieg öffnet Hans Badrutt, sowohl in der Winter- als auch in jeder Sommersaison, das Palace für Gäste – einzig in der Ferienhotellerie. Erneut bleiben zahlungskräftige Gäste aus dem Ausland fern, dafür mehren sich nun mittellos gewordene alte Stammgäste, die durch den Krieg zu Flüchtlingen oder Emigranten geworden sind. Hans Badrutt lässt sie auf Kredit im Hotel wohnen; und wenn auch die meisten ihre Rechnungen später nie begleichen können, spricht sich die Menschlichkeit in den Kreisen herum, und so bringt die gute Tat nach Kriegsende überraschend schnell einen Return on Investment. Die betuchte Gesellschaft dankt es ihm – Armut hätte in diesen Tagen jeden treffen können. Kriegsmüde und erlebnishungrig kehren Geldadel und die weiterhin vermögende Aristokratie zurück in ihr zweites Zuhause. Für „Gäste der Zukunft“, vor allem für junge Sportler, hält Hans Badrutt besondere Raten bereit. Mit dieser Strategie senkt der weitsichtige Hotelier das Durchschnittsalter im Haus. Die Verjüngungskur führt später zur griffigen Bezeichnung „Magic Mix“, eine gute Mischung von „reich“ und „interessant“. Als Hans Badrutt 1953 stirbt, hinterlässt er seiner zweiten Frau und seinen Söhnen Andrea und Hansjürg, im Alter sind die beiden zwanzig Jahre auseinander, jeweils ein Drittel des längst sagenumwobenen, gut florierenden Palastes.

Andrea sorgt als Erstes dafür, dass die erfahrenen Kräfte imHaus bleiben und ihre Kenntnisse an jüngere weitergeben. Der Magic Mix wird zu seiner Hauptaufgabe. Zeit seines Lebens. Andrea ist gutaussehend und charmant, hat einen feinen, englisch geprägten Humor, spricht ausgezeichnet Deutsch, Englisch, Französisch, Italienisch und Rumantsch – die Sprache der Region. Sein größtes Talent ist sein hervorragender Spürsinn. Der stößt ihn mit der Nase auf die Veränderungen in der internationalen Gesellschaft: Die Kollektivierung osteuropäischer Großvermögen, das Ende der Feudalherrschaften in den Kolonien wie der Maharadschas in Indien – oder das Aus der Monarchie in Ägypten. Jede Menge zusammengebrochener Märkte. Momentan auf Eis liegen unglücklicherweise auch Umsätze aus Frankreich, England und Italien. Länder, die nach dem Krieg Devisenbeschränkungen eingeführt haben und jeden am exklusiven Reisen hindern, der nicht über ein gut gefülltes Konto in der Schweiz oder den USA verfügen kann. Nur die Italiener finden dennoch irgendwie Mittel und Wege, diese Restriktionen zu umgehen.

Andrea versteht diesen „Neuen Markt“ und weiß intuitiv eine neue Badrutt’s Palace-Gesellschaft zu formen. Er erkennt die Kraft, die im menschlichen Bedürfnis nach Anerkennung steckt. Welche Anziehungskraft die Aristokratie und besser noch königliche Geschlechter ausüben auf Schwerreiche ohne Titel. Diese beiden Schichten weiß er geschickt zusammenzubringen. Doch er ahnt, dass dieser Mischung von grauen Eminenzen das Salz in der Suppe fehlt. Clementin Spencer Churchill hat einmal den Begriff vom „Champagnerklima von St. Moritz“ geprägt, noch fehlen Andrea die Perlen in seinem Hotel: Die Jungen und Schönen, die Lebenslustigen und Wilden, deren zeitweiliger Lebenszweck das pure Vergnügen ist. Natürlich müssen sie aus den richtigen Gesellschaftsschichten stammen. So macht Andrea die Zimmerreservation zur Chefsache. Niemand außer ihm darf Reservierungen entgegennehmen. Zum Glück ist die Nachfrage viel größer als das Angebot. Ein Umstand, der Andrea ermöglicht, das Haus wie einen Privatclub zu führen: Zutritt bekommt nur, wer einem fürstlichen Haus wie Thurn und Taxis, Fürstenberg, Hohenlohe oder Bismarck angehört, oder der einer der großen Industriedynastien wie Thyssen, Bohlen und Halbach, Opel, Sachs, Flick, Porsche oder Piëch entstammt. Die kaum mehr benötigten Kammern ohne eigenes Bad, ehemals für die mitreisende Dienerschaft, teilt Andrea zu einem Spottpreis im Verhältnis zur üblichen Rate denen zu, die Jugend, blendendes Aussehen, Witz, Charme und vielleicht noch einen Titel, aber kein Vermögen haben. Umsatzstark und herzlich willkommen sind auch Familienclans aus Südamerika, die Reisegruppen der 1960er und 1970er Jahre. Sie schlagen im Sommer ihr Hauptquartier für mehrere Wochen in St. Moritz auf, um Europa von hier aus zu bereisen und die Festspiele in Salzburg, Bayreuth oder Luzern zu besuchen. Wer zum ersten Mal anreisen will und nach der Ausstattung, Lage oder dem Zimmerpreis fragt, bekommt nur vage Auskunft. „Wir werden schon dafür sorgen, dass Sie gut aufgehoben sind“, gibt Andrea Badrutt in solchen Fällen zur Antwort, ohne auszusprechen, dass er möglicherweise denkt, diese Gäste seien nicht kapitalkräftig genug für sein Haus. Welch‘ glorreiche Zeiten für das Hotel! Doch die Konkurrenz schläft nicht.

Obwohl Hansjürg Badrutt mit dem Erbe der verstorbenen Mutter zwei Drittel der Anteile hält, überlässt er seinem charismatischen Bruder nach außen das Kapitänsdeck, das Scheinwerferlicht – und die öffentliche Bewunderung. Andrea heiratet spät. Eine bildschöne, kapriziöse und sehr kostspielige Frau. Er, der so gern Schecks entgegennimmt, muss nun selbst hohe ausstellen, um den flotten Jetset-Lebenswandel seiner Frau zu finanzieren. Die Ehe hält nicht lange; der gemeinsame Sohn Johannes wächst bei Andrea auf. Erst mit dem 70. Geburtstag scheidet Andrea Badrutt aus der aktiven Hotelführung aus. Danach versuchen diverse Hoteldirektoren zwischen 1980 und 1999, in seinen Fußstapfen zu wandeln; unbefriedigend für die Besitzerfamilie, die 1999 entscheidet, die Führung der amerikanischen Hotelgruppe Rosewood zu übertragen.

„Für das Palace war das zu dem Zeitpunkt eine goldrichtige Entscheidung“, wird Hans Wiedemann später dazu anmerken. Rosewood macht große Schritte, holt den technischen Fortschritt ins Haus und führt neue Organisations- und Führungsstrukturen ein. Investitionen in zweistelliger Millionenhöhe, man spricht von etwa 58 Millionen Schweizer Franken, fließen in Renovierungen und EDV. Die Zimmerzahl wird erheblich reduziert, ein Großteil der Kammern wird abgeschafft; Wiedemann wird im zweiten Zug die letzten – und damit Schnäppchenraten und Zwei-Klassen-Gesellschaft – abschaffen. Rosewood verknüpft Abteilungen miteinander, macht das Arbeiten effizienter und bricht tief in den einzelnen Abteilungen verankerte Autonomien auf. Schafft Transparenz.

Mit Andrea Badrutt war dessen subtile, situative und hochprofitable, aber ausschließlich in seinen Händen und seinem Ermessungsspielraum liegende Preisgestaltung der Zimmerraten, in den Ruhestand gegangen. Auch hatten sich die Zeiten geändert und das Badrutt’s Palace hatte international mächtig Konkurrenz bekommen. Die Rosewood-Gruppe entwickelt für das Grandhotel erstmals eine professionelle Verkaufs- und Marketingstrategie. Individualgäste bleiben Kernzielgruppe, werden nun aber auf den internationalen Märkten maßgeschneidert umworben. Zeitgemäß und zielgerichtet.

Zukunftsfähig, aber entseelt, so muss Hansjürg Badrutt die Entwicklung empfunden haben. 2003 greift er zum Telefonhörer und ruft Hans Wiedemann an, den Hoteldirektor des Montreux Palace. In ihm vermutet er den geeigneten Hoteldirektor für sein Haus. Er hatte ihn seit 1995 aus der Ferne beobachtet, sein Engagement und seinen Erfolg, den fast gleichaltrigen Dampfer am Genfer See ins 21. Jahrhundert zu manövrieren. Hansjürg Badrutt hatte selbstverständlich auch Wiedemanns Werdegang sorgfältig studiert: Kellnerlehre, mehrere Stationen in der Schweiz, Hotelfachschule in Lausanne, der Sprache wegen nach Australien, als Nachtportier im Hilton „ …da war ich mein eigener Herr.“ Dort im Hilton freundet sich der junge Wiedemann mit Martha an, eine Beauty- und Ayurveda-Expertin, die den Spa leitet. Der Schweizer und die Inderin verlieben sich und heiraten einige Zeit später. Sie haben zwei Kinder. Nach einem zweijährigen Intermezzo in China, Wiedemann eröffnet in Peking ein Haus mit 600 Zimmern und 1.300 Angestellten, kehrt die Familie nach Australien zurück. Wiedemann übernimmt für eine japanische Gesellschaft die Leitung von fünf Hotels mit 2.000 Angestellten. Ein Traumjob. Zwei der Hotels liegen auf malerischen Inseln – doch der Kinder wegen, die Europa und seine Kultur kennen und lieben lernen sollen, zieht die Familie an den Genfer See. Und obwohl Wiedemann grundsätzlich wechselbereit ist, erklärt er Badrutt, dass er einen Wechsel nach St. Moritz derzeit nicht einmal in Erwägung zöge. Und erklärt auch warum.

Mit der Swissair-Pleite war das Montreux Palace vor Kurzem in die Hände der Raffles Hotels gelangt. „Ich sagte Hansjürg Badrutt gerade heraus, dass ich das Hotel unabhängig – ohne die Zusammenarbeit mit einer Hotelkette – führen wolle." Ein halbes Jahr später ruft Badrutt wieder an: „Rosewood ist draußen. Kommen Sie jetzt?“

An dieser Stelle beginnt das moderne Märchen. Hansjürg Badrutt und Hans Wiedemann wählen nicht irgendeinen beliebigen Ort für das erste Gespräch, sie treffen sich in der geschichtsträchtigen Kronenhalle in Zürich. Die beiden Männer sind einander auf Anhieb sympathisch. Über die Lebensgeschichte des letzten Badrutt ist bis dahin ebenso wenig an die Öffentlichkeit gedrungen wie von Gäste- Eskapaden in seinem Palasthotel. Eine Tatsache, die viel über Badrutts Persönlichkeit aussagt. Auch Hans Wiedemann ist keiner, der ein großes Ego mit sich herumträgt. „Uns verbindet die gleiche Art von Humor“, sagt er und ergänzt, „wir können gut über uns selbst lachen.“ Die Bühne überlassen beide anderen. Badrutt muss die frappierende Ähnlichkeit zwischen seinem Vater und Wiedemann vom Hocker gehauen – und sie vielleicht als Wink des Schicksals gedeutet haben. Genau wie Wiedemanns Frau Martha, die als Inderin den Tod von Hans Badrutt und die Geburt ihres Mannes kurz darauf im gleichen Jahr zusammenbringt. Von ihr hat Wiedemann Carte blanche. Gemeinsam hatte das Paar erstmals in den 1980er Jahren Europa bereist. Gewohnt haben sie damals nicht im Palace, sondern in einem einfachen Hotel in Savognin, dem Familienbudget angepasst. Doch Martha Wiedemann kannte das Badrutt’s aus Filmen, bestand darauf, es zu besuchen – und war berührt von der alten Pracht und den in den Himmel ragenden Türmen.

2004 fängt mit Wiedemann eine neue Ära Badrutt's Palace Hotel an. Kurzfristig entwickelt der neue Direktor ein Konzept, aus dem bis dahin zweitschwächsten Monat im Jahr den zweitstärksten nach dem Dezember zu machen. Wie geht das? Nun, ganz einfach, indem er russischen Gästen ein Bedürfnis erfüllt. Wiedemann holt das orthodoxe Weihnachtsfest ins Haus, das am 6. Januar gefeiert wird, und gewinnt auf einen Schlag zahlreiche treue Stammgäste. Den Magic Mix behält er bei seinen Marketing-Aktivitäten im Auge. Ganz wie Andrea, aber anders. Wiedemann schaut dabei durch die Brille des 21. Jahrhunderts. Mit einer Mischung aus besonderem Talent, Fingerspitzengefühl und Menschenverständnis, die eine starke Preispolitik erlaubt und zu einer guten Durchmischung der Gästeklientel führt.

Primärmärkte sind die Schweiz, Deutschland, Italien, die USA und Großbritannien. Repräsentanzen hat das Hotel mittlerweile auch in China und Indien. Ein königlicher Abstecher aus den Emiraten kann für das Palace rasch einen Millionen-Umsatz bedeuten. Einnahmen, die das hochkarätige Angebot – Investitionen und Löhne – sichern.

Jeden Morgen um 10 Uhr trifft Hans Wiedemann sich zum Vier-Augen-Gespräch mit Josef Vielhuber. "Guest Service Manager" steht auf Vielhubers Visitenkarte, übersetzt heißt das soviel wie: Er ist der engste Vertraute, Sekretär und persönlicher Adjutant für Mächtige und Milliardäre. Anschließend um 10.30 Uhr ist Abteilungsleitertreffen, bei dem jede Anreise, jeder einzelne Gast mit seinen besonderen Wünschen und Erwartungen besprochen wird. Lunch um Mitternacht? Aber gern. Am Stück gegrillte Lämmer? Sehr gern. Wie viele dürfen es sein? Ein in die USA heim gereister Gast möchte einen bestimmten Kuchen vom Haus. Concierge Augusto Raimondi möge ihn bitte persönlich bringen. Aber ja. Gern. Ein Ständchen zum Geburtstag: die Wiener Sängerknaben wären nett. Elefanten, Kamele oder Seelöwen sind schon längere Zeit nicht mehr nachgefragt worden. Nichts ist unmöglich – für Toyota ein Werbespruch, hier Teil des Tagesgeschäfts.

Als die kinderlosen Mehrheitseigentümer Hansjürg und Aniko Badrutt 2006 beschließen und die Öffentlichkeit wissen lassen, dass sie ihre Anteile Hans Wiedemann vermachen, verstummen auf einen Schlag alle in Umlauf befindlichen Gerüchte und Spekulationen über einen möglichen Verkauf von Badrutt's Palace wie der Umwandlung des Hotels in ein Appartmenthaus. Befeuert hatte diese Johannes Badrutt jun. mit dem Verkauf seines Anteils an den italienischen Immobilienhändler Luigi Zunino. Der Handschlag zwischen Badrutt und Wiedemann wird notariell beglaubigt und Hansjürg Badrutt hinterlegt die Erbschaftssteuer. Er hatte Übernahmeofferten aus der ganzen Welt. Höchstinteressiert soll Prinz Walid Ben Talal gewesen sein, der schon das Savoy in London und das George V in Paris sein Eigen nennt. Von 300 Millionen Euro ist die Rede, doch „Geld interessiert Hansjürg Badrutt nicht“, weiß Wiedemann. Er wolle vielmehr die Gewissheit, dass die einzigartige Atmosphäre langfristig erhalten bleibe. Auch wenn an das Vermächtnis keine Bedingungen geknüpft wurden, wie alle Zeitungen berichten, „ich habe versprochen, die Seele zu bewahren und die Wohnhalle nicht zu verändern“, sagt er. Hansjürg und Aniko Badrutt haben für ihr Baby neue Eltern gesucht – und in Martha und Hans Wiedemann gefunden.

© STERNKLASSE-Magazin